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Kommentar: Her mit dem Abbiege-Assistenten

GÖTTINGEN – Bereits mehrere schwere Unfälle zwischen Radfahrern und abbiegenden Lkw sorgten allein in diesem Jahr für Schlagzeilen. Thomas Geisler, Redakteur beim pressedienst-fahrrad, meint: Damit muss endlich Schluss sein. Ein Kommentar.

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Von Thomas Geisler

Es sind schockierende Bilder, die zuletzt aus Dresden zu sehen waren. Eine Mutter blickt zusammen mit ihrem kleinen Kind am Arm auf das unter einem Lkw zerquetschte Fahrrad ihres Mannes. An der Unfallstelle steht noch der Kinderanhänger, indem das Kind kurz zuvor saß. Der Lkw-Fahrer hatte das Gespann beim Abbiegen übersehen, überrollte mit seinem 40-Tonner den Radfahrer und schleifte den Kinderanhänger noch ein Stück mit. Der Radfahrer wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht, das Kind blieb unverletzt.

Als junger Vater, der täglich mit dem Rad unterwegs ist, wird mir beim Anblick dieser Bilder ganz anders. Ich mag mir persönlich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn das Kind nicht im Fahrradanhänger, sondern in einem Kindersitz transportiert worden wäre. Es hätte in Folge des Sturzes sicherlich ebenfalls mindestens schwere Verletzungen erlitten.

Andererseits stelle ich mir die Frage, wie solch ein Unfall 2018 immer noch passieren kann. Seit Jahren wird darüber diskutiert, dass Abbiege-Assistenten in Lkw verpflichtend eingebaut werden sollen. Bereits 2007 erhielt MAN für die Vorstellung eines derartigen Systems den Mobilitätspreis des ADAC Bayern. Über zehn Jahre waren also Zeit, an einer flächendeckenden Lösung zu arbeiten und diese europaweit umzusetzen. Unzählige Unfälle hätten vermieden und viele Leben von Fahrradfahren und Fußgängern gerettet werden können. Doch das Ergebnis bislang: Der Einbau eines Abbiege-Assistenten ist freiwillig und wird kaum umgesetzt. Die ungefähr 1.500 Euro für den Einbau pro Lkw werden bei den Fuhrunternehmen gerne gespart, obwohl es sich um eine lebensrettende Maßnahme handelt.

Wäre der Abbiege-Assistent Pflicht, könnten nach Angaben der Unfallforschung der Versicherer mindestens über die Hälfte der tödlichen Kollisionen verhindert werden. Deshalb ist die Politik gefordert, hier endlich eine gesetzliche Regelung zu erlassen. Nachdem Ende Januar ein zehnjähriges Mädchen in Havel (Brandenburg) beim Überqueren einer Ampel von einem abbiegenden Lkw überrollt und dabei tödlich verletzt wurde, äußerte der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Christian Schmidt, dass man sich auf internationaler Ebene verstärkt für den verpflichtenden Einbau von Abbiege-Assistenzsystemen einsetzen werde. „Ich appelliere an alle Beteiligten, die deutschen Vorschläge aktiv zu unterstützen und deren Umsetzung nicht zu verzögern“, mahnte Schmidt nach dem Unfall in der Berliner Morgenpost.

Ein verpflichtender Einbau ist nur auf europäischer Ebene sinnvoll und auf die Unterstützung der EU-Kommission angewiesen. Ein Expertengremium soll gerade daran arbeiten, welche Kriterien für eine EU-Typgenehmigungsvorschrift wichtig sind, damit ein verbindliches System eingeführt werden kann. Wie langsam die Mühlen der europäischen Gesetzgebung jedoch mahlen, zeigt das aktuelle Beispiel bei der Diskussion über die Abschaffung der Sommerzeit. Doch in diesem Fall geht es um eine sinnvolle lebensrettende Maßnahme. Zehn Jahre wurden bereits vergeudet. Jetzt ist es an der Zeit, endlich zu handeln!

(pdf | Foto: Gunnar Fehlau (pd-f.de))

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