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Stadttheater: Kluge Köpfe mit schnellsten Beinen

GIESSEN – Mehr als schnelle Beine brauchte es, um bei „Rund um das Stadttheater“ auf das Siegertreppchen steigen zu dürfen. Ein langer Atem und taktische Finesse gehörten ebenso dazu.

Redaktion

Die jüngste Auflage des traditionellen Radrennens „Rund um das Stadttheater“ begann mit einem Rennen, dessen Ausgang ein Fingerzeig war, der selbst den späteren Sieger überraschte: Tim Nissel von der RV Gießen-Kleinlinden gewann in der Altersklasse Schüler U15 nach 15 Runden (=12 km) vor Louis Gentzik vom RSV Froh Fulda. Damit setzte Nissel einer lange andauernden Serie der Dominanz seines Kontrahenten ein Ende.

Zu Beginn als Schüler U11 war zunächst Nissel der Stärkere bevor sich Gentzik als U13-Fahrer dann regelmäßig vor dem Kleinlindener platzieren konnte. Anfang August bei der Hessenmeisterschaft im Einzelzeitfahren deutete dann der kleiner werdende Abstand zwischen den beiden auf eine Kehrtwende zugunsten Nissels hin, die er mit seinem Sieg bei „Rund um das Stadttheater“ im Endspurt auf der Johannesstraße mit einer Radlänge Vorsprung vor Gentzik und vor heimischem Publikum besiegelte. Samuel Möller von der RV Gießen-Kleinlinden wurde Siebter. Der Kleinlindener Arvid Koop (RSG Frankfurt) wurde im Rennen der Jugend U17 Zwölfter.

Pommerening zufriedener Nicht-Vierter

Auf Mike Pommerening von der RV Gießen-Kleinlinden setzen einige für den Ausgang des Hobbyrennens. Er hat Erfahrung mit dem Rennen „Rund um das Stadttheater“ und in seiner Laufbahn schon auf ähnlich schnellen Strecken seine Sprintstärke bewiesen. Im Endspurt der Hobbyfahrer nach 30 Runden (=24 km) war Pommerening als Dritter hinter Stefan Petrovski (VeloM Termalift) und Sieger Marco Kaufmann (Baugenossenschaft Viernheim eG) keinesfalls enttäuscht: „Ich war schon so oft Vierter – hier und anderswo. Der dritte Platz ist super“, freute sich Pommerening. Zweiter zu werden sei mit einem besseren Sprint vielleicht noch möglich gewesen, doch die Welle, die neu gebaute, erhöhte Querungshilfe zwischen Stadtpark und Johannesstift, habe ihn beim Sprint etwas aus dem Rhythmus gebracht. Den Sieger noch zu stellen, sei sicher nicht mehr drin gewesen. Über Platz sechs war Max Schmid-Kreuzer vom Schwanenteich Parkrun hellauf begeistert: „Ich habe dieses Jahr erst mit Rennradfahren angefangen und bin heiß wie Frittenfett. Im langen Sprint habe ich mich aber richtig verbrannt“, sagte der Gießen-Allendorfer zu seinem Renndebüt. Oliver Harsy von der RVG Rockenberg kam auf Platz 14, Markus Turschner von der RSG Gießen und Wieseck auf Platz 20.

Schmidt zu Hause in Edelhelfer-Rolle

Im Rennen der Senioren II und III ging ein Ausreißer-Duo aus Hanno Rieping (Pro Juventute Team) und Adrian Kalk (RRC Duisburg) in das Finale nach 50 Runden (=40 km), das mit seiner Flucht zu einer Vorentscheidung für Lokalmatador Christian Schmidt von der RSG Gießen und Wieseck geführt hatte. Schmidt ist mit Rieping gemeinsam im Pro Juventute Team und unterstützte die Flucht deshalb mit wohlwollender Tempokontrolle bei den Verfolgern und verzichtete damit auf seine eigenen Ambitionen. Das sei eben manchmal so und vollkommen in Ordnung, zeigte sich Schmidt sportlich professionell. Mit Thomas Hockauf von der RSG Gießen und Wieseck war ein weiterer Lokalmatador im Rennen, der zwar mit dem Ausgang des Rennens nichts zu tun hatte, aber mit Blick auf die beginnende Vorbereitung der Radcross-Saison gute Beine vermelden konnte.

Mehrfache Erfolge für RSG Gießen Biehler

Was sich mit guten Beinen machen lässt, zeigten die RSG Gießen Biehler im Rennen der Frauen Elite über 50 Runden (=40 km) eindrucksvoll. Die Fahrerinnen der Radbundesliga-Mannschaft der ausrichtenden RSG Gießen und Wieseck hatten sich mannschaftlich aufgeteilt, um zeitgleich beim Heimrennen in Gießen und dem Radbundesliga-Rennen in Genthin vertreten zu sein. Zum Start auf der Johannesstraße zeigte sich, dass die RSG Gießen Biehler in zahlenmäßiger Pattsituation ihren Kontrahentinnen gegenüberstanden. Doch kaum war der Startschuss erfolgt, diktierten die Wiesecker Radbundesliga-Fahrerinnen das Rennen. Amélie Hild und Svenja Betz setzten sich direkt gemeinsam ab, überrundeten im Rennverlauf die Verfolgerinnen und unternahmen prompt die zweite Flucht. Hild besitzt, wie Streckensprecher Martin Aslan zu berichten wusste, einen französischen Pass und war kürzlich bei der französischen Landesmeisterschaft im Fernsehen zu sehen – Svenja Betz hatte es bei der deutschen Radmeisterschaft auf dem Sachsenring als beständige Ausreißerin in Führung liegend bis in die Schlussrunde geschafft. Ihr ständiges Lächeln hätte leicht über das hohe Tempo hinwegtäuschen können, dass sie bei ihrer Fahrt über die Johannesstraße, Neuen Bäue, Südanlage und die Goethestraße den Zuschauern zeigten.

Ein ganzes Stück Arbeit sei es gewesen, mit Anna Giesen als Dritte hinter Amélie Hild und Svenja Betz, das Siegerpodest ganz in die Farben des Teams zu tauchen. „Immer wenn ich aus dem Sattel gegangen bin, hatte ich die Meute an mir hängen“, schilderte Giesen, die mit ihren Teamkolleginnen dem Gießener Publikum eine tolle Vorstellung ihres Könnens ablieferten, währen der zweite Teil der Mannschaft in Genthin das Teamzeitfahren gewann und mit Lydia Ventker die Führung der Radbundesliga übernahm.

Ausführliche Berichterstattung

Randnotizen der Rennen findet ihr hier.

Unsere Fotostrecken findet ihr hier.

Ein Video des Tages findet ihr hier (YouTube).

Offensive Taktik führt Schütz und Feldhaus zusammen

Eine tolle Vorstellung vor heimischem Publikum zeigten auch Moritz Schütz von der RSG Gießen und Wieseck und Sean Christopher Feldhaus vom MSV Essen-Steele im Rennen der Amateure über 70 Runden (=56 km). Schütz, bereits zwei Mal Sieger und zwei Mal Zweiter bei „Rund um das Stadttheater“ trat nach drei Jahren ohne Rennlizenz wieder zu seinem Heimrennen an und wollte nach der ersten Sprintwertung nach fünf Runden einen Ausreißversuch starten. Feldhaus, der aus Wuppertal stammt aber zum Studium in Wieseck wohnt, hatte seinen anwesenden Freunden verraten in der zweiten Runde wegfahren zu wollen. Dass daraus dann die dritte Runde wurde, passte offensichtlich perfekt zu Schütz‘ Taktik, denn nach Feldhaus‘ Fluchtversuch dauerte es nicht lange, bis er mit Schütz zusammenfand und sich damit die entscheidende Fluchtgruppe gefunden hatte. In den folgenden Spurts um Prämien und Wertungspunkte waren die beiden sehr fleißig. „Wir haben die Sprints nicht gegeneinander ausgefahren“ erklärte Feldhaus später. Das sollte womöglich ein Fehler gewesen sein, denn der Eindruck, dass sie sich beim Sammeln der Punkte für den Tagessieg abwechselten, trog. Schütz hatte ganz genau mitgezählt und verriet Feldhaus, dass ihm, Moritz Schütz, der Sieg nicht mehr zu nehmen sei. Die letzte, doppelt zählende Wertung nach 70 Runden sicherte sich dann Sean Christopher Feldhaus vor Moritz Schütz, der mit einem Punkt mehr den dritten Tagessieg bei „Rund um das Stadttheater“ und den Großen Preis der Stadt Gießen in der Tasche hatte. „Der wirkte wirklich sehr spritzig beim Sprinten. Das war echt gut“, äußerte sich Schütz anerkennend über die gemeinsame Flucht mit Feldhaus. Von einem Comeback nach drei Jahren ohne Rennlizenz könne man aber nicht sprechen, betonte Schütz. Vielmehr sei es ihm wichtig, heimische Rennen und Veranstalter zu unterstützen, sagte er auch mit Blick auf den für den 27. September geplanten Dünsberg Mountainbike-Marathon. Dort will dann auch Florian Anders von der RSG Gießen und Wieseck zu sehen sein, der mit Platz fünf bei „Rund um das Stadttheater“ achtbar abschloss.

Schneider achtbar U19-Sechster

Leonhard Schneider von der RV Gießen-Kleinlinden war als Juniorenfahrer zeitgleich im Rennen und sehr offensiv viel im vorderen Fahrerfeld und bei Fluchtversuchen zu sehen. Im Sprint nach 60 Runden (=48 km) sicherte er sich beim Sieg von Anton Antolovic (Tuspo Weende) einen achtbaren sechsten Platz.

Helbig mit Tempohärte und technischem Coups

Mit brachialem Vortrieb statt ausgefeilter Taktik schien Benedikt Helbig vom Team Embrace The World Cycling vorzugehen, doch auch er hatte am Ende eine Überraschung parat. Nach 35 von 70 zu fahrenden Runden um den Preis der Sparkasse Gießen hatte Helbig im Alleingang schon eine gute Anzahl Punkte und Prämien gesammelt, seine Verfolger überrundet und sich nach der Überrundung prompt wieder für eine Runde vor das Fahrerfeld gespannt. Dann wurde es erst einmal vermeintlich ruhiger um ihn. Acht andere Fahrer konnten ebenfalls Punkte einfahren, bis Helbig mit einer erneuten Flucht das Finale einläutet und voll durchzog. Gut die halbe Länge der Johannesstraße groß war sein Vorsprung, den er mit zwei lauten Siegesschreien quittierte und nach kurzem Durchschnaufen auf einer Schlussrunde mehr zu seiner Taktik verraten konnte: „Ich bin eigentlich eher Bergfahrer, habe im Winter einige Kilos abgenommen, aber das ist auf so einem Kurs völlig wurscht“. Eine große Rolle habe gespielt, dass er extra für das Rennen kürzere Kurbeln montiert habe. Dadurch konnte er mit einer kleinen Ausnahme im Übergang zur Neuen Bäue bei vollem Tempo durch die Kurven pedalieren, fasst ohne Tritte auslassen und neu antreten zu müssen, verriet Helbig mit breitem Grinsen seinen kleinen technischen Coups, der trotzdem die entsprechend tempoharten Beine erforderte. Auf Platz zwei kam Simon Happel vom Team Colonia Kids vor Dominik Ivo vom Team Lotto-Kern Haus. Sein Teamkollege Marc Dörrie wurde Fünfter. Auf Platz vier kam mit dem Limburger Robin Fischer der beste Fahrer vom Team Erdinger Alkoholfrei, dass auf Lokalmatador Niclas Zimmer (RSG Gießen und Wieseck) verzichten musste, nachdem dieser gesundheitlich angeschlagen das Rennen vorzeitig beenden musste. Aber auch mit ihm dürfte es ein Wiedersehen geben, wenn am 27. September der geplante Dünsberg Mountainbike-Marathon stattfinden und die heimische Radsportszene erneut auf den Plan rufen kann.

Noch mehr mittelhessische Teilnehmer

Bei diesem Rennen waren noch mehr Mittelhessen am Start, als wir in unserem Berichtsumfang auflisten können. Weitere Ergebnisse der Lizenzklassen findet ihr hier (rad-net.de).

(Text: sd/mst/tz | Titelfoto: Tobias Zappe)

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