GIESSEN – Über acht Stunden Radrennen hatte die jüngste Austragung des Radrennens „Rund um das Stadttheater“ in Gießen zu bieten. Dass es immer wieder und unterschiedlich stark regnete, tat der Begeisterung an der Strecke keinen Abbruch. Bis zum letzten Rennen verfolgten Zuschauende den langen Renntag, den unsere Redakteure Matthias Steinberger und Stephan Dietel multimedial festhielten.
Wer ganz früh zum Rennen kam, konnte einen Radprofi in Gießen entdecken und wer sich auf den Besuch von „Rund um das Stadttheater“ etwas vorbereitet und in die Startlisten geblickt hat, konnte auch dort seinen bekannten Nachnamen entdecken: Unter die Helfenden der Radsportgemeinschaft Gießen und Wieseck und ihrer Unterstützer, die seit sechs Uhr den Renntag aufbauten, mischte sich kurz vor dem ersten Start Familie Degenkolb.

Gießen erfolgreich und praktisch für Familie Degenkolb
Sohn Leo Robert Degenkolb, der für den RV Sossenheim fährt, hatte für das „Kinopolis Kids Race“ der Schüler U11 gemeldet. Mit Tipps von Vater John Degenkolb, dem bekannten Radprofi, und Mutter Laura Degenkolb, der Tochter des früheren, im Jahr 2000 verstorbenen, Radsport-Bundestrainers Robert Lange, bekam Leo Robert Degenkolb Tipps und Anfeuerung vom Streckenrad. Damit konnte er eine entstandene Lücke zu seinen Verfolgern in 50 Sekunden Vorsprung im Ziel verwandeln. Und während sich der Youngster nach dem Regenrennen für die Siegerehrung trocken anzog, schlüpfte auch Vater John Degenkolb in sein Renn- und Arbeitsdress. Spätestens jetzt wurde vielen klar, wer sich vorher unter Regenjacke und Kapuze um den Radsportnachwuchs gekümmert hatte. Für Leo Robert Degenkolb war der Radsporttag damit als Sieger erfolgreich zu Ende gegangen – für Vater John Degenkolb ging er nach einigen Fotos mit Radsport-Fans dann weiter: Den Rückweg nach Oberursel nutzte er für eine dreistündige Trainingsfahrt. Nach auskurierter Verletzung käme ihm das sehr gelegen. Die Saison sei noch lang, so dass man ihn demnächst wieder im Renneinsatz sehen werde. Und wenn Sohn Leo Robert mit Radsport weitermache, werde man ihn wohl auch noch öfter bei „Rund um das Stadttheater“ in Gießen sehen, sagte John Degenkolb, der die Ausrichtung des Rennens vielfach lobte.
Fotostrecke: „Rund um das Stadttheater“ in Gießen 2025 – Nachwuchs und Masters
Fotos: Matthias Steinberger
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Taktiken der Lokalmatadore gehen auf
Mit dem Rennen der „Bohnen & Soehne Espresso Masters“ wurde dann im Kriterium-Modus gefahren, bei dem mit Punktesprints das Tagesergebnis ermittelt wird. Für diese Disziplin, die neben schnellen, ausdauernden Beinen auch eine sehr gute Rennübersicht und Taktik braucht, hatten sich die heimischen Startenden konkrete Pläne überlegt. Die Mastersklassen 2, 3 und 4 fuhren gemeinsam – wurden aber getrennt gewertet. Thomas Hockauf von der RSG Gießen und Wieseck stand wie geplant in der ersten Startreihe, konnte dann tatsächlich mit den Jüngeren mitfahren, sich damit in einer ersten Spitzengruppe halten und einen Sprintpunkt einfahren, während seine Masters-4-Mitstreiter später überrundet wurden. So gewann Hockauf diese Altersklasse vor Bernd Schmelz (TSV Blau-Weiß Ippinghausen) und Viktor Slavik (Melsunger TG).
„Die erste Wertung mitgefahren, Punkte geholt und dann einfach in der Spitzengruppe drin geblieben“, schilderte Masters-3-Sieger Alexander Koop von der RV Gießen-Kleinlinden die ersten Kilometer des Masters-Rennens an dessen Spitze. Das sich hinter ihm eine Lücke aufgetan hatte, hätte er zunächst gar nicht bemerkt. „Ich bin immer nur über Kreuz am Hinterrad von den Jungs gefahren. Irgendwann war keiner mehr da.“, schilderte Koop mit Blick auf seine Altersklassen-Gegner. So konnte er den Masters-2-Fahrern in seiner Gruppe die weiter Punktesprints überlassen und sich stattdessen auf die Prämiensprints fokussieren. Koop gewann bei den Masters 3 vor dem Mittelhessen Sascha Haussmann (RSV Nassovia Limburg) und Christian Müller (VC Frankfurt). Vierter wurde Christian Schmidt von der RSG Gießen und Wieseck. Im Heim-Rennen dabei zu sein, sei ihm wichtig gewesen, auch wenn er sich körperlich müde gefühlt habe. Sein radsportlicher Fokus liegt in dieser Saison nämlich abseits der Straße, im Gravel-Radsport. In den Rennen auf Schotter wollte er sich für die Weltmeisterschaft qualifizieren, was ihm gelang und in der zweiten Saisonhälfte bei der Gravel-WM dann ein Höhepunkt werden soll. Sein Zieleinlauf bei „Rund um das Stadttheater“ war somit erstmal der Startschuss für ein paar Tage Urlaub.
Hanno Rieping steht wieder ganz oben
Der haushohe Favorit auf den Gesamtsieg des Rennens, Hanno Rieping (PMCA Mannheim), der in den zurückliegenden Jahren in Gießen schon auf allen Plätzen des Podiums stand, gewann diesmal souverän und konnten die letzte, doppelte bepunktete Zieleinfahrt, vor zahlreichen Zuschauenden trotz Regenwetter so richtig genießen. Mit 42 Zählern gewann er vor Florian Klassmann (24 Punkte, Leeze Factory Racing Master) und Christian Werner (12 Punkte, RV 1899 Hochheim), der im Frühjahr noch das Trikot der RSG Gießen und Wieseck getragen hatte. Sein damit ehemaliger Vereinskollege Daniel Müller trug als Vierter des Masters 2 seinen Teil zum starken Auftritt der heimischen Sprinter in den hart und lang ausgefahrenen Hochgeschwindigkeitsduellen, zwischen der sehr erfahrenen Konkurrenz, bei. Da war es immer mal wieder ein Mitzittern, wie die Fahrenden nach Höchstgeschwindigkeit auf der mal mehr, mal weniger nassen Strecke abbremsten, um den Übergang in die Neuen Bäue sturzfrei zu schaffen.
Fotostrecke: „Rund um das Stadttheater“ in Gießen 2025 – Rad-Bundesliga U19/Frauen und Elite-Amateure
Fotos: Matthias Steinberger
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„Großer Preis der Stadt Gießen“ für Moritz Schütz
Der Spagat zwischen Geschwindigkeit und Grip führte den Tag über zu vereinzelten Stürzen, die aber alle glimpflich ausgingen. Auch Lokalmatador Moritz Schütz ging im Rennen der Männer Amateure einmal zu Boden, das als „Großer Preis der Stadt Gießen“ über 80 Runden führte. Er musste von der Rundenvergütung Gebrauch machen, die ihn eine Runde aussetzen und an gleicher Stelle wie zuvor wieder ins Rennen einsteigen ließ. Unterwegs hatten es Schütz und seine 17 Mitstreiter immer wieder mit Simon Betz (MRSC Ottenbach) zu tun, den beeindruckend offensiv und angriffslustig fuhr und der Konkurrenz viel Arbeit machte. Während es für Schutz mit 31 Punkten, einem Loch und Abschürfung an der Seite seiner Hose, auf Platz eins des Podiums ging, belohnte sich Nico Gremm vom neuen mittelhessischen Team Delta IQ Racing als Dritter (15 Punkte) hinter Simon Betz (20 Punkte) für sein kämpferisches Rennen. Das mit motivierenden Bannern gekommene Publikum ließ sich wohl auch wegen der Spannung, die der gesamte Renntag bot, auch bei den immer wieder einsetzen Schauer nicht vom Streckenrand vertreiben. Mit Philipp Eßrich (VC Hohentwiel Singen), Niclas Zimmer (RSG Gießen und Wieseck) und Hanno Louis Keller (Delta IQ Racing) waren auch die Plätze vier bis sechs der Männer Amateure in heimischer Hand. Und es ging sehr interessant weiter.
Fotostrecke: Radsport-Begeisterung beim Anfeuern zu „Rund um das Stadttheater“ in Gießen 2025
Fotos: Matthias Steinberger
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Lydia Ventker und Corinna Lechner gewinnen Vorläufe
Wohl weil sie von der großen Premiere gehört hatten, die in der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ der Frauen und Juniorinnen in Gießen anstand, standen die Zuschauenden mit der Zeit immer dichter an der Strecke. Und auch die Fahrerinnen selbst waren gespannt, wie sich die zwei Vorläufe in der Praxis-Erprobung beweisen würden, die sich der Dachverband German Cycling beim Bund Deutscher Radfahrer für diesen Renntag überlegt hatte. Anhand der Rad-Bundesliga-Gesamtwertung in zwei Gruppen geteilt, gab es nach drei Runden zum Einrollen bei jeder Zieldurchfahrt einen Punkt zu holen, der darüber entschied, ob man im großen A-Finale oder im kleinen B-Finale fahren würde. Die bis dato Bundesliga-Führende Lydia Ventker (RSV Gütersloh) gewann den ersten Vorlauf mit stattlichen sechs Punkten, Corinna Lechner (Wheel Divas Cycling Team) setzte sich im zweiten Vorlauf mit fünf Punkte vor Fabienne Jährig (Berlin Cycling Team /BRV) durch, die als gerade frisch gekürte Europameisterin im Bahnradsport-Madison zwei Punkte holen konnte. Für die Fahrerinnen galt es dann die Pause vor dem Finale zu nutzen, sich zu erholen und die Muskeln warm zu halten, während die Gießener Stadtmeisterschaft angeschossen wurde.
Gießen – Gießen in achteinhalb Stunden: „Rundflug“ um das Stadttheater
GIESSEN – Bei 425 Runden von "Rund um das Stadttheater" in Gießen hätte es einem schwindelig werden können. Mit dadurch "beflügelter" Fantasie blicken wir in einem humorvollen Beitrag auf den Renntag zurück und bleiben dabei doch irgendwie auch auf dem Boden der Tatsachen. Start frei und "guten Flug". […]
Sophie Pfeiffer und Philipp Reuschling gewinnen Gießener Stadtmeisterschaft
Es war das an Beifall und Begeisterung lauteste Rennen des Tages, das mit den Hobby Frauen für die Stadtmeisterschaft auf den 800 Meter langen Runde unterwegs war. Triathletin Sophie Pfeiffer von den Hannover Runners zeigte in den Punktesprints deutlich, dass sie den Tagessieg wollte. Mit 25 Punkte war der nach 20 Runden (=16 km) dann tatsächlich eingetütet und die Gießener Medizin-Studentin, auch wegen des hörbar begeisterten Gießener Publikums, hochzufrieden. Als Zweite mit 13 Punkten freute sich Sarah Hildmann (Gießen) über ihren Platz auf dem Podium und Mauriel Fischer (GSN Grlz) schnappte sich mit neun Punkte auf Platz drei die sehr begehrten und sehenswerten aus Holz gefrästen Medaillen. Die ging für Platz eins in der Stadtmeisterschaft der Männer an Philipp Reuschling von der RSG Gießen und Wieseck, der damit jetzt einen kompletten Medaillensatz in seiner Sammlung hat. Dass ihm Vorjahressieger Max Schmid-Kreuzer, der diesmal Zuschauer war, im Ziel ein Siegergetränk reichte und gratulierte, war eine faire Geste unter Vereinskollegen. Zweiter der Stadtmeisterschaft der Männer wurde Maurice Mack, der nur einen Punkt weniger in der Gesamtwertung hatte, vor Nick Hafkemeyer mit elf Zählern.
Fotostrecke: „Rund um das Stadttheater“ in Gießen 2025 – Rad-Bundesliga U19/Frauen und Elite-Amateure
Fotos: Matthias Steinberger
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Monika Wagner und Fabienne Jährig in den Finals vorne
Auch wenn die klatschenden Hände der Zuschauenden jetzt wieder richtig nass wurden, ging es mit der Radsport-Begeisterung zu den Finalläufen der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ weiter. 30 Runden standen im kleinen B-Finale an und 40 Runden waren im großen A-Finale an, die dann wieder als Kriterium mit Punktesprints gefahren wurden. Monika Wagner vom RSC Prüm, die erst seit dem vergangenen Jahr mit Rennlizenz fährt, setzte sich als Siegerin im B-Finale durch und lieferte damit auch eine Bestätigung bei der Premiere des gesplitteten Rennmodus. Schwächeren Aktiven bessere Chancen zu bieten, sei eines der Ziele des neuen Rennmodus gewesen, sagte Günter Schabel, German Cycling Vizepräsident Leistungssport, der die Premiere in Gießen entwickelt hat und die Rückmeldungen der Fahrerinnen dazu interessiert aufnahm. Den Sieg im großen Finale schnappte sich Madison-Europameisterin Fabienne Jährig, die neben dem Tagessieg von Schabel auch noch einen Blumenstrauß für ihren Titelgewinn bekam. Mit ihrem Sieg in Gießen konnte Jährig als Gesamtweite der Rad-Bundesliga den Abstand zur weiterhin Führenden Lydia Ventker etwas verringern. Dass die Siegerehrung wegen plötzlichen Starkregens in das Innere der Sparkasse verlegt werden musste und damit deutlich weniger Zuschauenden als auf dem sehenswert arrangierten Vorplatz bot, war ein Wehrmutstropfen und nicht zu ändern, denn die Fahrerinnen aus vielen Teilen Deutschlands hatten mitunter noch eine lange Heimreise vor sich.
Es folgt auch noch ein Video zum neuen Rennmodus in der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ der Frauen und Juniorinnen. Um automatisch informiert zu werden, wenn es erscheint, folgt unserem YouTube-Kanal oder abonniert unseren Newsletter.
„Großer Preis der Sparkasse Gießen“ geht im Regen an Tobias Willmes
Zum Abschluss dieser über neun Stunden dauernden Austragung von „Rund um das Stadttheater“ standen nochmal 80 Runden für die Männer Elite Amateure als „Großer Preis der Sparkasse Gießen“ an. Tobias Willmes (RC Wanderlust Arzheim) war hier mit 45 Punkten der Sieger vor Gianluca Weßling (35 Punkte, RSV Friedenau Steinfurt) und Jaro Bräuning (RSV Irschenberg). Lokalmatador Sebastian Quispe Störr (Delta IQ Racing) erreichte mit 13 Punkten Platz neun in einem jetzt reinen Regenrennen, vor immer noch anwesenden und begeisterten Zuschauenden.
Die Ergebnisse von „Rund um das Stadttheater“ 2025 in Gießen findet ihr hier.
Ein Service von DS Ergebnisdienst, www.dsergebnis.de.
REDAKTION | Dein Sport. Dein Revier. Wir berichten von hier.

Stephan Dietel
Er wohnt im Gießener Ortsteil Rödgen und legte im Jahr 2001 mit Erlebnisberichten über selbst gefahrene Radrennen den Grundstein. Mit großem Interesse am Radsport und am Journalismus entwickelt er mit seinem Team die Radsportnachrichten aus Mittelhessen immer weiter.





