Mit „Schwester-Rennen“ in die Zukunft

OFFENBACH – Der Radrennsport in Süd- und Mittelhessen ist um eine Attraktion reicher – und das, obwohl fast alles beim alten bleibt. Die Radrennen „Rad, Wein und Gesang“ in Offenbach und „Rund um das Stadttheater“ in Gießen kooperieren und finden künftig am gleichen Wochenende statt. Die Hintergründe und Pläne wurden jetzt vorgestellt.

Es klingt wie die Geschichte zweier Schwestern, die sich nicht gesucht, aber plötzlich gefunden haben. Sie sind beide Hessinnen und trennt eine knappe Stunde Fahrt mit dem Auto, oder zwei bis drei Stunden mit dem Fahrrad. Und auch im Radsportkalender standen sie schon oft mal mehr und mal weniger nah beieinander.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis die beiden „Schwestern“ oder „Nachbarinnen“ einander entdecken würden. Im August 2021, zur Deutschen Meisterschaft im Kriteriumfahren in Gießen, war das der Fall. Jürgen Bamberger, Organisationsleiter des Radrennens „Rad, Wein und Gesang“ in Offenbach und Torsten Günther, Organisationsleiter des Radrennens „Rund um das Stadttheater“ in Gießen kamen ins Gespräch und entdeckten Gemeinsamkeiten ihrer Veranstaltungen. Beide Radrennen, in Offenbach wie in Gießen, finden in Innenstädten statt und führen um Grünanlagen. Sie haben beide eine lange Tradition in ihrer Stadt und sogar beide ein paar Jahre der organisatorischen Pause hinter sich. Und sie haben in jüngster Vergangenheit immer wieder etwas Neues zu bieten.

Spezial-Disziplin Kriteriumfahren

Anders als bei Rennen auf Endspurt wird bei Kriterien der Tagessieg nicht nur durch die Zielankunft nach der angesetzten Renndistanz entschieden. Beim Kriteriumfahren wird das Tagesergebnis durch regelmäßige Punktesprints ermittelt. Siegerin oder Sieger ist, wer die meisten Runden zurückgelegt hat. Bei Gleichstand der Rundenzahl entscheidet die Anzahl der eingefahrenen Punkte. Bei Punktgleichheit ist die bessere Platzierung im letzten Punktesprint entscheidend, bei dem die oder einer der punktgleichen Fahrer/innen Punkte geholt haben. Eine gute Rennübersicht ist neben schnellen Beinen also ebenso wichtig.

Kooperation beginnt mit Rad-Bundesliga

Inzwischen ist viel organisatorisches besprochen worden, über Gemeinsamkeiten, aber auch über Unterschiede der beiden Radrennen. Was daraus entstand, wurde jetzt bei einem Pressetermin im Fahrradladen Artefakt in Offenbach vorgestellt: Eine Kooperation der bei Rundstreckenrennen, die zahlreiche Synergien in den nächsten Jahren möglich machen soll. Am 22. und 23. Juli ist Premiere für das Doppelrennwochenende in Offenbach und Gießen. Zum Beginn der Partnerschaft wird bei beiden Rennen um die „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ der Frauen und Juniorinnen gefahren. Eine Gesamtergebnis aus den beiden Renntagen fließt in die Gesamtwertung der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ ein.


Radrennen in Offenbach und Gießen kooperieren
YouTube-Video | 01:39 Minuten | Grafik: Jan Heilenz | Bericht/Kamera/Schnitt: Stephan Dietel.

Bürger- und Kulturfest mit Radrennen

Die Offenbacher Jürgen Bamberger gab einen Einblick in die Geschichte der Veranstaltung „Rad, Wein und Gesang“, die schon in ihrem Namen erkennen lässt, dass sie mehr als ein Radrennen ist. Ausrichter von „Rad, Wein und Gesang“ ist der RSC Offenbach-Bürgel 1926. Er veranstaltet mit langer Tradition Radrennen in Offenbach. Austragungsorte waren dabei stets Strecken am Starkenburg-, Hessen-, Landgrafenring, die bis circa 1992 ausgetragen wurden, bevor in der Organisation und Durchführung des Rennens eine Lücke klaffte, die erst 2015 durch einen Neuanfang geschlossen werden konnte. Die Veranstaltung „Rad, Wein und Gesang“ bildet seitdem eine Kombination aus Bürger- und Kulturfest mit Sportveranstaltung. Sie hat sich in dieser Form zum festen Bestandteil der Offenbach Stadtgesellschaft und zum Termin im überregionalen Sportkalender etabliert. Seither gibt es fast jährlich Neuerungen in dem Offenbacher Traditions-Radrennen: Im Jahr 2015 wurde der Neustart mit einem „Omnium“ auf 400-Meter-Rundkurs begangen, 2016 wurden erstmals Jugendrennen ausgetragen, 2017 erfolgte die Wiedereinführung der „offenen Offenbacher Stadtmeisterschaft“, die bis heute ausgefahren wird. Im Jahr 2018 hatte man Rennen der Elite-Amateure mit Top-Besetzung, 2019 erstmals Frauenrennen im Programm. Nach einer Corona bedingten Absage im Jahr 2020 war das Interesse an dem Radrennen im Jahr 2021 trotz einiger Corona-Auflagen sehr groß. Im Jahr 2022 hatte man erstmals die Radbundesliga der Frauen und Juniorinnen auf dem rund einen Kilometer langen Kurs.

„Reiner hardcore Sprinterkurs, für die schnellen Sprints.“

Andreas Fließgarten

Die Strecke von „Rund um das Stadttheater“ in Gießen ist mit 800 Metern Länge rund 200 Meter kürzer als der Kurs in Offenbach. Das Rennen wird von der RSG Gießen und Wieseck um den Vereinsvorsitzenden Torsten Günther organisiert. Es hat eine viele Jahrzehnte lange Geschichte in der Stadt und in früheren Jahren viele bekannte Radprofis zu Gast gehabt. Fahrerisch seien beide Rundkurse sehr unterschiedlich, schilderte Andreas Fließgarten. Der ehemalige Radprofi hat erst kürzlich seine aktive Laufbahn als Radrennfahrer beendet, kennt daher beide Strecken und schilderte beim Pressetermin seine Eindrücke dieser Innenstadt-Rundkurse. Die Runde in Offenbach habe durch eine Spitzkehre, an der man deutlich herunterbremsen und neu beschleunigen müsse, Charakter, während das Oval in Gießen ein „reiner hardcore Sprinterkurs, für die schnellen Sprints“ sei. Das Rennen in Gießen könnte für Teams taktisch schwerer zu organisieren sein, sagt Fließgarten. Wie sich das in der Praxis zeigt, möchte Tabea Carlotta Latocha am 22. und 23. Juli selbst erfahren, wenn sie mit ihrem Team zur Radbundesliga in Offenbach und Gießen antritt, Das Rennen in Offenbach ist sie bereits selbst gefahren – der Start in Gießen wird für sie eine Premiere sein. „Ich hab‘ auf Instagram gesehen, wie die Rennen durch die Decke gehen“, freut sie sich auf ihren kommenden Renneinsatz in Offenbach und Gießen.

„Ich hab‘ auf Instagram gesehen, wie die Rennen durch die Decke gehen.“

Tabea Carlotta Latocha

Zentrale Lage und räumliche Nähe

Im Rahmen der Radbundesliga ein Kriterium zu bestreiten und damit das Tagesergebnis durch Punktesprints zu ermitteln, dürfte für einige Fahrerinnen eine neue Erfahrung sein. Neben Wettbewerben auf der Straße auch auf der Bahn und im Kriterium zu fahren, sei ein Ausbildungsziel für Radrennfahrerinnen, schilderte Günther Schabel vom Bund Deutscher Radfahrer. Der Vizepräsident für Leistungssport beim Bund Deutscher Radfahrer erläuterte damit die Hintergründe für die Integration zweier Rundstreckenrennen als Teil der Radbundesliga der Frauen und Juniorinnen. Einige Fahrerinnen hätten sich eine Deutsche Meisterschaft im Kriteriumfahren analog der Männerklassen gewünscht. Zunächst müsse die Bereitschaft zur Teilnahme an solchen Wettbewerben erkennbar und damit ein ausreichend großes Starterinnen-Feld vorhanden sein, erläuterte Schabel. Die zentrale Lage von Offenbach und Gießen in der Mitte Deutschlands sei ein wichtiger Aspekt für die Aufnahme in die „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ gewesen, wenn mit ihr die deutsche Spitze der Frauen und Juniorinnen aus allen Teilen des Bundesgebiets zu den beiden Renntagen anreist. Auch zwischen den beiden Austragungsorten nicht weit reisen zu müssen, stehe in einem günstigen Verhältnis zur vergleichsweise kurzen Renndistanz eines Kriteriums, das über rund 40 Kilometer führt. Beide Renntage sollen gemeinsam gewertet werden und so in die Gesamtwertung der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ einfließen.

Langfristige gemeinsame Pläne

Weitere Verknüpfungen der beiden Rennprogramme, neben der gemeinsamen Rad-Bundesliga-Wertung, könnten bis zum Erscheinen der offiziellen Ausschreibung der beiden Renntage noch folgen, sagt der Gießener Torsten Günther. Man habe viele und weiterreichende Ideen für die kommenden Jahre und sich etwas bremsen müssen, nicht alles im ersten Jahr der Zusammenarbeit umsetzen zu wollen. Ein Ziel sei es, dass sich das gemeinsame Rennwochenende als praktische Möglichkeit etabliert, zwei Radrennen an einem Wochenende fahren zu können und dabei zwischen beiden Orten nicht weit reisen zu müssen. Einladungen an die Radsportvereine in den Offenbacher Partnerstädten Puteaux (Frankreich), Esch-sur-Alzette (Luxemburg) und Mödling (Österreich) sollen dem Radrenn-Wochenende internationalen Charakter verleihen.

Auftakt mit Weinfest

Das Rennwochenende beginnt bereits am Freitagabend (21.07.) mit einem Weinfest bei „Rad, Wein und Gesang“ in Offenbach, zu dem eine bunte Mischung der Bevölkerung zusammenkommt. Riesling aus Hochheim und Weine der Winzergenossenschaft aus Groß-Umstadt sollen an diesem ersten Abend für Gaumenfreuden. Am Samstag (22.07.) wird dann der Radsport an dem einen Kilometer langen Rundkurs in Offenbach gefeiert. Am Sonntag (23.07.) geht es dann mit der Jagd nach Punkten und Prämien auf dem Fahrrad bei „Rund um das Stadttheater“ in Gießen weiter, wo das Doppelrennwochenende seinen Abschluss findet und frische Zähler in die Gesamtwertung der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“ der Frauen und Juniorinnen kommen.

Termine „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga“
Frauen / Juniorinnen 2023

21.05., 35. Main-Spessart-Rundfahrt Karbach
04.06., DM Einzelzeitfahren (U19) Esplingerode
14.06., Bahn-DM (14.6.-18.6., PF + EV) Cottbus
23.06., DM Einzelzeitfahren (Frauen) Bad Dürrheim
25.06., DM Straße (U19) Offenburg-Fessenbach
02.07., DM Straße (U23) Märwil
22.07., Kriterium Offenbach
23.07., Kriterium Gießen

03.09., 32. Spee Cup mit DM MZF/EZF Genthin
10.09., Rund um Sebnitz Sebnitz
22.09., RiderMan – Einzelzeitfahren Bad Dürrheim
23.09., RiderMan – Straßenrennen Bad Dürrheim
24.09., RiderMan – Straßenrennen Bad Dürrheim

Stand: 20.03.2023

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Profilfoto Stephan Dietel Radsportnachrichten
Stephan Dietel
Gründer | Redaktionsleitung | CvD | Ressortleitung Straße | Leitung Multimediaredaktion | sd@radsportnachrichten.com

Er wohnt im Gießener Ortsteil Rödgen und legte im Jahr 2001 mit Erlebnisberichten über selbst gefahrene Radrennen den Grundstein. Mit großem Interesse am Radsport und am Journalismus entwickelt er mit seinem Team die Radsportnachrichten aus Mittelhessen immer weiter.

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