Anaerob (1): Gedanken vom Gegenwind getrieben

REDAKTION – Radsportler kennen sie und wer sie nicht kennt, liest jetzt darüber: Gedanken im anaeroben Bereich, unterhalb der optimalen Sauerstoffversorgung. Mal bizarr, mal kreativ und manchmal mit Wahrheit im Kern. Unser Format „Anaerob“ lässt in loser Folge jetzt darüber schmunzeln.

Anaerobe Gedanken oder der gefürchtete Hungerast kommen im Training oder im Rennen vor. Eine ganze Menge davon gibt es derzeit für den Radsportnachrichten.com-Redaktionsleiter Stephan Dietel. Auf seine eigene Laufbahn als Rennfahrer folgte eine lange Pause vom aktiven Radsport. Die Rückkehr aufs Rad ist ein gefühlter Neuanfang. in den Beinen und im Kopf, wie der erste Teil unseres Formats „Anaerob“ auf witzige Weise zeigt.

„Bevor die meinen Account bei Strava wegen Nichtbenutzung sperren: Einfach eine Runde Radfahren. Eine Runde: ja. Einfach: nein.

Einmal im Jahr Rad zu fahren war zunächst auch eine Form von regelmäßig. Einmal im Monat ging auch ganz gut. So blieb immer noch Zeit zur Erholung zwischen den Fahrten. Jede Ausfahrt war reich an anaeroben Momenten. Spektakuläre Eindrücke erhielt ich auf den ersten Kilometern meines Wiedereinstiegs durch die praktizierte Low-Carb-Ernährung. Vor allem beachtlich kurz waren die ersten Fahrten.

Wenn ich an die Banane dachte, die im Idealfall in der Trikottasche steckte, wars schon zu spät. Wie wenn du einem Hubschrauber den Propeller abschraubst. Kein Gleiten, kein Segeln, Sinkflug einleiten. Absturz – und zwar sofort. Vorteil: Ich brauchte nicht weit fahren, um ein Gefühl zu haben, wie früher nach 240 Kilometern. Acht Tageskilometer waren der Negativrekord. Damit hab‘ ich’s nicht mal aus der Gemeindegrenze geschafft. Beim nächsten Mal bin ich dann als erstes direkt aus der Gemeinde gefahren. 27 Tageskilometer zurückgelegt und der anaerobe Gedanke: Das Schöne am Radsport, ist das nach Hause kommen. Darauf freue ich mich jedes Mal schon beim Trikot anziehen. Was als Rennfahrer aktive Erholung war, ist heute Grenzerfahrung – bei gleichem Kilometerstand.

Nicht von mir, aber wahr: Ich brauche keinen Pulsmesser, um zu sehen wie schlecht es mir geht. Beim Einkaufen an die nächste Radfahrt denken, erfordert wieder Übung. Nicht daran gedacht. Keine Banane oder irgendwas für unterwegs gekauft. Schnitzel, Hackfleisch und Reibekäse im Haus. Als Verpflegung für die Trikottasche echt ungeeignet. Könnte man machen, ist aber echt komisch.

Das Ziel, zu Hause anzukommen ohne zerstört zu sein, geht manchmal noch schief. Im Nachbarort – am Anfang spielte sich ohnehin alles ganz in der Nähe ab – rochs im Wald auf einmal irgendwie nach Tod. Trikot mal wieder waschen? Kurz darauf hab‘ ich mich auch tot gefühlt. Und zu Hause realisiert: Die Abluft vom örtlichen Industriebetrieb war der Grund für den komischen Geruch. War dort früher schon so.

Als „Neuling“, der man nach so langer Pause irgendwie ist, tappt man sowieso in jede Falle, die man eigentlich von Früher kennen sollte: Los gefahren, läuft richtig gut, geht schnell voran, das muss die Form sein. Mehr davon. Dann rumgedreht. Merkste selbst. War Rückenwind. Im Gegenwind zurück gekämpft und in reichlich anaeroben Gedanken geblättert. Kleiner Auszug:

Was ist der Unterschied zwischen mir und der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“? Bei mir gibt’s mehr Einbrüche.

Warum wird mir auf der Tempo-Messtafel eigentlich nur ein Smilie gezeigt? Und lacht es mit mir oder über mich?

Selbstgespräche sind keine Schande, solange es keine Meinungsverschiedenheiten gibt.

Interessant: Wenn ich mich im Training zum Weiterfahren motiviere, sage ich innerlich SIE zu mir.

Eigentlich hab ich’s ja geschafft: Durch die Arbeit mit Radsportnachrichten.com bin ich schon Deutsche Meisterschaften und in der Rad-Bundesliga gefahren – nur eben mit dem Auto. 🙂

Aber ich muss zugeben, es ist schon toll, wenn man mal selbst etwas auf dem Fahrrad geleistet und erlebt hat. Die anaeroben Momente dürfen aber gerne weniger werden. Ganz ohne wird’s wohl nicht gehen. Auch das war früher schon so.“

Stephan Dietel

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Stephan Dietel
Gründer | Redaktionsleitung | CvD | Ressortleitung Straße | Leitung Multimediaredaktion | sd@radsportnachrichten.com

Er wohnt im Gießener Ortsteil Rödgen und legte im Jahr 2001 mit Erlebnisberichten über selbst gefahrene Radrennen den Grundstein. Mit großem Interesse am Radsport und am Journalismus entwickelt er mit seinem Team die Radsportnachrichten aus Mittelhessen immer weiter.

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