Marburg erhebt sich zur Radsport-Hochburg

MARBURG – Die „kleine, enge Stadt zwischen zwei Bergen“, wie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies die Stadt Marburg im Vorfeld einmal beschrieb, hat sich mit der Deutschland Tour zwischen den Renntagen in Thüringen und Süddeutschland von der fast unterschätzten Etappe zu einer Radsport-Hochburg erhoben. Ein Rückblick auf das Rennen – in Text, Fotos und einem Video.

Man hätte die Etappe von Meinigen nach Marburg im Vorfeld als unterschätzt bezeichnen können. Zwischen dem Auftakt mit zwei Tagen in der Radsport-Hochburg Thüringen und dem schweren Abschluss mit zwei Etappen im Süden Deutschlands, tauchte Marburg in den Ausblicken der Radprofis auf die fünftägige Rundfahrt nur ganz vereinzelt auf. Das sollte sich mit diesem Tag ändern.

Im Höhenprofil der Etappe waren aber mehrere Spitzen, also markante Anstiege, zu sehen, die erkennen ließen, dass die Zielankunft in Marburg nicht zu unterschätzen war. Die „kleine, enge Stadt zwischen zwei Bergen“, wie sie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bei einem Pressetermin beschrieb, steuerte etliche Höhenmeter zum Profil des 200,7 Kilometer schweren und längsten Teilstücks der diesjährigen Deutschland Tour bei.

YouTube-Video | 10:12 Minuten: Der Radsporttag in Marburg, Deutschland Tour 2022, Etappenankunft Marburg
Grafik: Jan Heilenz, Bericht/Kamera7Schnitt: Stephan Dietel. Tipp: Über die Sprungmarken in der Timeline des Videos gelangt ihr direkt zu den Kapiteln dieses Beitrags: 00:00 Worum geht’s | 00:26 Techniker Ride Tour | 03:26 Jens Voigt | 05:07 kinder Joy of moving Mini Tour | 06:52 Kolumbianische Fans | 05:50 Rudi Cerne | 07:14 Zielankunft | 07:35 Miguel Heidemann | 08:52 Simon Geschke

Streckenbefahrung für Alle und Parade für Nachwuchs

Rosa Striche auf der Deutschhausstraße ließen am Vorabend erkennen, wo am nächsten Tag die alles entscheidende Stelle, der Zielstrich, dieser zweiten Etappe der Deutschland Tour sein würde. Am Freitagvormittag startete auf dem Firmaneiplatz ein Radsportfest rund um die Deutschland Tour, den Radsport und den Radverkehr in der Stadt. Die Zeit bis zum Eintreffen der Radprofis am späten Nachmittag verging damit schnell. Um 12:30 Uhr konnten alle Radfahrenden bei der Techniker Ride Tour einen Teil der späteren Schlussrunde des Profi-Rennens selbst abfahren. Die Brüder Gerrit und Lennart Randau nutzten die Gelegenheit, in ihrer Heimatstadt über die Strecke zu fahren, an der sie damals gewohnt haben. Gerrit Randau, der inzwischen im flachen Münsterland lebt, freute sich auf eine Strecke mit Steigungen und tippte für das Finale der Radprofis auf Simon Geschke. Bruder Lennart Randau hoffte auf Nils Politt. Ein Bruder-Duell der beiden Randaus am Zielstrich, sollte es nach der 45-minütigen Ausfahrt aber nicht geben, denn sie waren auf sehr unterschiedlichen Fahrrädern unterwegs und ein ungleicher Kampf hätte vielleicht den einen den Schlafplatz bei dem anderen gekostet. Die Tour sollte sowieso kein Rennen sein, sondern zeigen, wie Radfahren auf autofreier Stecke in der Stadt empfunden werden kann. Der ehemalige Radprofi Jens Voigt war mit der „kinder Joy of Moving Mini Tour“ zur Stelle, um den Jüngsten das Radfahren schmackhaft zu machen. Eine Parade aller anwesender Kinder über die Zielgerade war ein tolles Bild und eindrucksvoller Moment für die jüngsten Radfahrenden in Marburg. Fürs Podium tippte Voigt auf Alberto Bettiol oder Nils Politt und einen Sprint einer kleinen Gruppe aus 30 bis 40 Fahrern. Er sollte damit in weiten Teilen richtig liegen.

Erinnerungen an die Oberstadt

Je weiter das Radsportfest an der Elisabethkirche voranschritt, desto öfter wurden Handys gezückt, um im Internet-Liveticker den aktuellen Stand im Rennen der Radprofis zu überprüfen. Der Übertritt von Thüringen nach Hessen bei Kaltennordheim war eine erste wichtige Marke, die die Vorfreude in Marburg schon steigerte. ZDF-Moderator Rudi Cerne verriet im Gespräch, dass er gute und nicht so gute Erinnerungen an Marburg habe. In den 90er Jahren sei er hier öfter beim Zahnarzt in der Oberstadt gewesen – das seien natürlich beim Zahnarzt nie so angenehme Dinge, aber er habe es wunderbar gemacht. Danach sei der Moderator oftmals noch etwas durch die Oberstadt gegangen „weil es pittoresk und so wunderschön ist“. Sein Tipp für den Ausgang der Etappe: „Vielleicht Simon Geschke“. Am Nachmittag begrüßte Rudi Cerne das Publikum im ZDF zur Live-Übertragung aus Marburg. Das Fahrerfeld steuerte kurz darauf schon in Richtung Amöneburg. Die markante Erhebung im Streckenprofil war das Tor zum Finale. Das zeigte sich auch in der Anzahl der Zuschauenden an der Strecke. In den Ortsdurchfahrten, an Anstiegen, auf Brücken und selbst auf Kreisverkehren waren die besten Plätze dicht besetzt.


Marburg erhebt sich zur Radsport-Hochburg Marburg erhebt sich zur Radsport-Hochburg
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Fotostrecke: Deutschland Tour in Marburg. Fotos: Jens Schmidt, www.photographie-jens-schmidt.de


Rennen in heißer Phase

Im Anstieg zur Amöneburg, rund 45 Kilometer vor dem Ziel, wurde das Fahrerfeld ein erstes Mal geteilt. Rund 25 Fahrer setzten sich ab. Das Team BORA–Hansgrohe um Nils Politt hatte aber keinen Mann in dieser Gruppe. Mit über 90 Stundenkilometern ging es in die Abfahrt von Amöneburg. Die durch die Region ziehenden Gewitter machten zwar einen Bogen um das Rennen und den Zielort Marburg, doch sie ließen den Wind merklich auffrischen. Die Fahrer fuhren hintereinander versetzt in so genannter Windkante und hatten damit zu den Anstiegen nun im Wind einen weiteren schweren Gegner. Das Rennen war damit bei Heskem schon in einer entscheidenden Phase. Die Renner kämpften darum, im Durcheinander der Gruppen nicht ihre Chance oder gar den Anschluss an das Rennen zu verlieren.

Anspruchsvolle Strecke, riesige Begeisterung

In der Abfahrt Richtung Cappel versuchte sich Nils Politt mit einer Attacke in Schadensbegrenzung für sein Team, doch er konnte nicht zur Ausreißergruppe aufschließen. Kaum war die eine Prüfung gemeistert, folgte die nächste: Im Anstieg am Hasenkopf wurde weiter attackiert und dezimiert. Hier gab es, wie schon in Amöneburg, als dritte von vier Bergwertungen des Tages, Punkte zu holen. Aber auch auf der Abfahrt durch Ockershausen mussten die Fahrer hellwach sein, denn schlechter Straßenbelag und Kurven waren hier eine herausfordernde Kombination. Diese Stelle passierten sie später ein zweites Mal, nach dem sie durch den Zielbereich auf der Deutschhausstraße, vorbei am Firmaneiplatz, gefahren waren. Jede Lücke an der Strecke schien mit radsportinteressierten Menschen gefüllt zu sein. Die kleine, enge Stadt zeigte riesige Begeisterung für die Deutschland Tour. Mit lauten Anfeuerungsrufen und Getrommel an den Werbebanden ging es auf die 17 Kilometer lange Schlussrunde, die den 116 Radprofis in Marbach direkt wieder einen Anstieg in den Weg stellte.

Vorbereitung, Umsetzung, Fahrradfest

„Plötzlich wurde aus einem Paket Arbeit eine Party“

MARBURG – Der Blick aus dem Fenster des Pressezentrums rüber zur Elisabethkirche hatte plötzliche eine ganz andere Wirkung auf Birgit Heimrich, die Leiterin des Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Marburg. Aus einem Paket Arbeit sei plötzlich eine Party geworden, fasste sie den Tag der Etappenankunft zusammen. Sehr beeindruckt von den Impressionen dieser Zielankunft in Marburg, saß sie nach dem Rennen mit Mitarbeiterin Patricia Grähling im Getümmel der Medien dieser Deutschland Tour. In Texten, Fotos und bewegten Bilder wurde in 190 Länder aus dem Pressezentrum rund um den Tag, das Rennen und die Stadt berichtet. Die Stimmung auf dem Firmaneiplatz ließ sie fast vergessen, wieviel Birgit Heimrich, ihr Team und die Fachdienste der Stadt gemeinsam geleistet hatten, um alles an diesem Tag sicher zu gestalten und zu organisieren.

Zum zweiten Mal Teil der Deutschland Tour

Nachdem sie als Startort im Jahr 2019 viel Arbeit und wenig Rennen hatten, gab es diesmal von beidem eine ganze Menge mehr. Möglichst viel über die Besonderheiten des Renntages für die Bevölkerung zu kommunizieren, sei sehr wichtig gewesen, schilderte Heimrich in einem kleinen Rückblick. 36.000 Anwohnerschreiben wurden verteilt, an 70 Stromkästen wurden Plakate platziert, an 16 Stellen an Brücken und rund 25 Plätzen in Außenstadtteilen wurden Banner angebracht, um über das Rennen zu informieren. Gewerbetreibende, Praxen und andere Dienstleister entlang der Strecke wurden per E-Mail-Verteiler informiert. Auf rund 20 Kilometern Länge galt ab dem Vorabend ein absolutes Halteverbot. 120 Fahrzeuge hätten abgeschleppt werden müssen, doch die Mitarbeitenden der Stadt konnten am Abend und in der Nacht viele Fahrzeugbesitzende ausfindig machen und vor dem Abschleppen ihres Fahrzeuges bewahren. Lediglich zehn Autos mussten letztlich tatsächlich kostenpflichtig umgesetzt werden. Eine eigens eingerichtete Hotline half schon Tage zuvor und bis zur Zielankunft der Radprofis bei Fragen aus der Bevölkerung und auch einige der knapp 20.000 Follower bei Facebook und 7.500 Follower bei Instagram hatten Fragen rund um das radsportliche Großereignis im Jubiläumsjahr Marburg800.

Um kurz nach 7 Uhr am Renntag bekam Birgit Heimrich die Nachricht auf ihr Handy mit der Botschaft „Die Strecke ist frei“. Aus Vorbereitung und Umsetzung konnte jetzt ein Radsportfest werden. Es sei ein ganz besonderes Jahr gewesen, mit dem man das 800. Stadtjubiläum gefeiert hat. Mit besonders viel Arbeit und ganz bestimmt mit vielen besonderen Momenten, die das Jahr in Erinnerung halten und in die Geschichte eingehen lassen.

Birgit Heimrich, Leiterin Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Marburg
Nach Vorbereitung und Umsetzung bei einem Fahrradfest als Zielort der Deutschland Tour angekommen: Birgit Heimrich, die Leiterin des Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Marburg. Foto: Stephan Dietel

Marburg gutes Pflaster für Tagessieger

Es blieb die gesamte Runde über hektisch, bis 1,5 Kilometer vor dem Ziel Tony Gallopin (Trek-Segafredo) quasi über den Radweg bei rund 60 Stundenkilometern der jagenden Meute davon galoppierte. Sollten sich seine Gedanken schon mit dem Etappensieg befasst haben, so wurden sie am Ende der Biegenstraße jäh gestoppt. Der Ausreißer war wieder eingeholt und der Sprint auf den letzten 300 Metern zum Ziel eröffnet. Während der zurückgeholte Ausreißer nach hinten durchgereicht wurde, nutzte Alexander Kristoff seine Chance im Gemenge und schnappte sich mit der höchsten Endgeschwindigkeit den Tagessieg. Marburg schien ein gutes Pflaster für den Norweger zu sein, denn als im Jahr 2019 die Deutschland Tour hier gestartet wurde und nach Göttingen führte, hieß der Sieger ebenfalls Alexander Kristoff. Er wisse nicht, warum ihm deutsche Rennen entgegenkämen. Vielleicht läge es an den nicht so langen Anstiegen. Oder an den Rundkursen, so wie die Champs-Élysées. Das bevorzuge er, weil man als nicht-heimischer Fahrer die Chance habe, die Strecke kennenzulernen. Er habe gute Erinnerungen an deutsche Rennen – an Frankfurt, Hamburg und an Marburg.

Deutsche Nationalmannschaft mit Simon Gesche (links) bei der Deutschland 2022 in Marburg
Durch die Lage an den Lahnbergen und der Lahn ist Marburg eher eng bebaut: Die Deutsche Nationalmannschaft mit Simon Gesche (l.) hat ihren Platz in einer Häuserlücke gefunden, in die das Teamfahrzeug gerade so rein passte. Foto: Stephan Dietel

„Wenn wir nicht gerade links oder rechts gefahren sind, ging’s hoch oder runter“.

Simon Geschke, Deutsche Nationalmannschaft

Marburg, die „kleine, enge Stadt zwischen zwei Bergen“, dürfte sich mit diesem Etappenziel der Deutschland Tour als Radsport-Hochburg bewiesen haben, denn selbst die weitgereisten Radprofis bemerkten die besondere Begeisterung in der Stadt und ihren umliegenden Ortschaften. Simon Geschke, der bei der Tour de France dieses Jahr neun Tage das Trikot des besten Bergfahrers getragen hatte, sagte, es sei eine ganz schön schwere Etappe gewesen. „Wenn wir nicht gerade links oder rechts gefahren sind, ging’s hoch oder runter“. Für die kurzen, knackigen Anstiege fehle im etwas Explosivität, sagte Geschke, der nicht in bester Verfassung in die Deutschland Tour gestartet war und in Marburg auf Platz 38 kam.

So schnell sie gekommen waren, waren die Radprofis auch schon wieder weg, denn am nächsten Tag sollte es in Freiburg im Breisgau nach der längsten Etappe dann auf das schwerste Teilstück dieser Deutschland Tour gehen. Wer ein Autogramm oder Foto mit einem der Profis ergattern wollte, musste also ebenfalls schnell sein. Bei manchem dürfte dabei ein neuer Wunsch gereift sein: Marburg könnte mal Etappenziel und Startort zugleich sein, so dass die Weltspitze der Radprofis für eine Nacht in der Stadt Station macht und die Radsportfans noch mehr Zeit mit ihren Favoriten haben. Jetzt dürfte allen Radprofis klar sein, was sie in Marburg zu erwarten haben.

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Profilfoto Stephan Dietel Radsportnachrichten
Stephan Dietel
Gründer | Redaktionsleitung | CvD | Ressortleitung Straße | Leitung Multimediaredaktion | sd@radsportnachrichten.com

Er wohnt im Gießener Ortsteil Rödgen und legte im Jahr 2001 mit Erlebnisberichten über selbst gefahrene Radrennen den Grundstein. Mit großem Interesse am Radsport und am Journalismus entwickelt er mit seinem Team die Radsportnachrichten aus Mittelhessen immer weiter.

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