24 Stunden mit dem Rad unterwegs

GIESSEN – Unser Redakteure Matthias Steinberger war 24 Stunden schlaflos mit dem Rad unterwegs. Sein Start erfolgte vergangenen Samstag (08.08.) um 14 Uhr am Gießener Hardthof. Nach 363 Kilometern kam der Solist wieder zurück in seine Wahlheimat.

Tourenverlauf

In der Mittagshitze von Gießen durch das Lahntal bis zur Einmündung in den Rhein pedalieren. Eine sternenklare Nacht von Lahnstein durch das Obere Mittelrheintal und die Rheingauer Weinberge bis nach Wiesbaden erleben. Im Aufgang der Sonne dem Mainradweg nach Frankfurt-Höchst folgen um der Großstadtmetropole entlang des grünen Bandes der Nidda zu entfliehen. Die sanften Hügel- und Ackerlandschaften der Wetterau durchqueren um letztlich wieder in Gießen anzukommen. Für manche Radfahrer wäre das eine erlebnisreiche Mehrtagestour. Matthias Steinberger von der RSG Gießen und Wieseck fuhr die Rundstrecke in 24 schlaflosen Stunden – ohne Betreuung als Solist. Er absolvierte 363 Kilometer und 1.300 Höhenmeter. Am vergangenen Samstag (08.08.) erfolgte um 14 Uhr der Start am Gießener Hardthof. Am Sonntag (09.08.) rollte Matthias um 13:55 Uhr am Hardthof vorbei, drehte eine Runde in den Feldern und blieb um 14 Uhr mit einem zufriedenen lauten Aufschrei stehen. Nur 30 Minuten später stand er bereits samt Raddress unter der kalten heimischen Dusche.

Unvorstellbares einfach ausprobieren

Seine 24 Stunden Challenge führte Matthias zu einem ungläubigen Erfolg, denn er fragte sich bis in die Nachtfahrt hinein, ob er tatsächlich durchhalten würde? Noch nie kratzte er die magischen 300 an. Am Ende seiner Rundfahrt fehlten noch knapp 40 Kilometer um die 400 voll zu machen. Matthias verlor wiederum keinen Gedanken darüber einfach weiterzufahren. Der Radabenteurer wollte ohne körperliche Schwierigkeiten lediglich 24 Stunden durchhalten – und das ist ihm gelungen. Er saß 18:10 Stunden im Sattel und rollte in einem entspannten 20er Schnitt über den Asphalt. Bedingt seiner teils mühsamen Selbstverpflegungen und dem hohen Wasserverbrauch, summierten sich im Umkehrschluss seine Pausen auf insgesamt 5:50 Stunden. ,,Verzweifelt auf der Suche nach einem „schnellen“ Abendessen verstrich alleine in Diez eine komplette Stunde. Das machte mich nach den ersten fünf Stunden Fahrt kurzzeitig wütend. Den ersten genüsslichen Kaffee gönnte ich mir um 22 Uhr in Bad Ems. Der kam frisch aus dem Siebträger und war erst nach zehn Minuten trinkwarm. In der Zeit saß ich ungeduldig an der Lahnpromenade, denn es wurde Nacht und ich war sehr aufgeregt in sie hinein zu fahren. Ich musste lernen solche kurzen Unterbrechungen zu akzeptieren“, berichtete Matthias von seinen anfänglichen Pausen der ersten Hälfte. Ein höheres Tempo hätte er nach eigener Aussage phasenweise durchziehen können, doch wer eine solche Tour in Angriff nimmt sollte lieber darauf achten, einen möglichst widerstandslosen Tritt zu finden. ,,Nach etwa zehn Stunden versuchte ich im flachen Mittelrheintal das große Blatt zu treten um in niedrigerer Trittfrequenz schneller zu fahren. Das fanden meine Beine gar nicht gut! Sofort wechselte ich wieder zurück in den leichteren Gang und die höhere Frequenz. Die Beine waren danach wieder sanft am Arbeiten, also blieb ich dabei und genoss weiterhin die Landschaften. Ein schnelleres Tempo hätte mich darüber hinaus viel zu früh in den Rheingau befördert, dessen Weinberge ich unbedingt im Sonnenaufgang durchfahren wollte“, erinnert sich Matthias an seine gemütliche Fahrweise, die ihm seine Beine vorgaben.

24 Stunden mit dem Rad unterwegs
Für die Tour wählte Matthias sein 26 Zoll Reiserad mit starrer Gabel und einer extrem komfortablen aufrechten Sitzposition. Foto: Matthias Steinberger

Grande Finale

Nach seiner ursprünglichen Einschätzung und logistischen Planung der Rundstrecke, kalkulierte er eine Ankunftszeit in Gießen von etwa 22 bis 23 Stunden. In dem Fall wäre er kurz vor Gießen in Richtung Wetzlar abgebogen um an einem entsprechenden Wendepunkt auf dem Lahnradweg umzukehren. Dass Matthias letztlich auch ohne Zusatzschleife die Punktlandung gelang, ist seinem Mittagessen in Friedberg mit nachträglichem Endspurt geschuldet. ,,In Friedberg habe ich tatsächlich etwas getrödelt. Ich bin dort aufgewachsen. Wollte unbedingt an einer bestimmten Adresse, dem Salzhaus, eine große Portion Pommes vertilgen. Leider hatten sie, wie auch so manch andere Sonntagsbäcker meiner Tour, Betriebsferien. Danach bin ich etwas brummig umher geirrt. Versuchte weiterzufahren, doch bemerkte ein großes Loch in meinem Magen. So wurde es eine andere Pommes“, führt Matthias eine weitere kleine Strapaze gegen Ende seiner Tour auf. In Bad Nauheim angekommen kam plötzlich Stress auf. Der bevorstehende Streckenabschnitt ist durchaus bekannt. Ebenfalls die üblichen Fahrtzeiten. In seinem derzeitigen Tempo hätte es Matthias vermutlich nach 24 Stunden bis Langgöns oder Linden geschafft. Das wollte er partout nicht dulden, legte das große Blatt auf, den Oberkörper flach über den Lenker und trat gegen Ende kräftig in die Pedale. Zu seiner eigenen Verwunderung mobilisierten sich Kräfte, die ihn letztlich zum Grande Finale in einer Punktlandung vor die Haustür katapultierten.

Background

Im Juli 2018 erkämpfte sich Matthias Steinberger mit seinem langjährigen Freund Patrick Schwab als 2er-Team im 24 Stunden-MTB-Rennen am Nürburgring den fünften Gesamtplatz unter 26 Teams. In der Altersklasse Master 1 landeten sie haarscharf auf dem dritten Platz und durften auf die große Bühne treten. Für sie persönlich ist es der bislang größte gemeinsame Erfolg. Seit dem Moment fragte sich Matthias unentwegt, ob er eine Fahrt über 24 Stunden auch als Solist durchhalten würde. Für das ambitionierte Rennen am Ring bereitete sich der Gießener ein Dreivierteljahr lang vor – und fuhr am Limit. Die Vorbereitung auf seinen Solo-Versuch unter Wettkampf freien Bedingungen belief sich auf etwa sechs Wochen.

(Text: mst | Titelfoto: Matthias Steinberger)

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Wohnt in Gießen, treibt seit dem Jahr 2018 das Ressort Mountainbike voran und ist Erfinder und Leiter des Formats "Wohin am Wochenende". Als Stv. Redaktionsleiter ist er eine Säule der Redaktion und zählt zum Inventar. Seine Wurzeln liegen im XC-Sport und führten durch mehrere Stationen. Der noch immer aktive Ausdauersportler ist keineswegs festgefahren. In unserer Redaktion stürzt er sich voller Begeisterung in die Welt des Radsports.

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