Abenteuer Langstreckenfahrt beim Brevet

GIESSEN – Auf den ersten Blick war es eine Gruppe Radfahrende, die sich am Samstag (25.06.) in Gießen trafen. Doch wer genau hinsah, konnte erkennen, dass sie für eine besonders lange Ausfahrt vorbereitet waren. Wir verraten, was hinter der Gruppe steckte und warum regelmäßig von Gießen auf große Fahrt gegangen wird.

Man könnte die Situation leicht falsch verstehen: Mit dem Fahrrad mal eben zur Bäckerei fahren. Brot oder Brötchen holen und schnell wieder weg. Gerade am Wochenende sieht man das genau so an unzähligen Orten. Doch an diesem letzten Samstag im Juni, gibt es bei einer Bäckerei in Gießen etwas besonderes: Einen Brevet.

30 Frauen und Männer sind mit dem Fahrrad für ihren Brevet gekommen. Ein radsportlicher Leckerbissen für sie. Genau genommen stammt dieser auch nicht von der örtlichen Bäckerei. Das Rezept für den Brevet kennt Christian Schulz von ARA Mittelhessen: „Brevet ist ein französisches Wort und heißt so viel wie Prüfung“. Diese Prüfungen sind 200, 300, 400 oder 600 Kilometer lang und beginnen zum Beispiel vor genannter Bäckerei mit Kaffeehaus in Gießen. Das erklärt die vielen Fahrräder, die angelehnt an einem Zaun aufgereiht stehen. Die dazugehörigen Menschen sitzen oder stehen zusammen in der Nähe und stärken sich. Mit Kaffee und Kuchen sind sie um 7:30 Uhr an diesem Morgen größtenteils schon fertig.

YouTube-Video | 05:22 Minuten: Bäcker, Brötchen, 600 km Brevet | Grafik: Jan Heilenz, Kamera/Schnitt: Stephan Dietel.
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Stempel an wichtigen Streckenpunkten

Christian Schulz verteilt die letzten Karten aus festem Karton an die Teilnehmenden. Darauf stehen die Namen von Ortschaften – darunter nahe und einige weit entfernte. Bei manchen Orten fragt man sich, wo sie sich befinden mögen. Das soll den Teilnehmenden in den nächsten Stunden klar werden. Spätestens, wenn sie die freien Felder neben den Orten mit einem Stempel versehen lassen. Dafür sind bestimmte Punkte anzusteuern, an denen die Stempel zu bekommen sind.

Um kurz vor acht Uhr ruft Christian Schulz zu einer Ansprache auf. Die 30 Frauen und Männer stellen sich im Halbkreis auf und es wird ruhig um den Mann der ARA Mittelhessen. Er fasst in kurzen Worten das Wichtigste für die kommenden Stunden zusammen. Worum es in wenigen Minuten gehen wird, haben sich alle in den zurückliegenden Tagen und Wochen intensiv vor Augen geführt. Sie haben eine 600 Kilometer Langstreckenfahrt mit dem Fahrrad vor sich.


Über ARA Mittelhessen

ARA Mittelhessen ist seit dem Jahr 2016 ein Standort der Audax Randonneurs Allemagne (ARA), in Hessen. ARA bietet in Deutschland als einzige Organisation Langstreckenfahrten nach den internationalen Regeln des Audax Club Parisien (ACP), die Brevets Randonneurs Mondiaux (BRM), an. Alle Brevets werden vom ACP homologiert und ermöglichen dem Teilnehmer damit die Qualifikation u.a. zum legendären Brevet Paris-Brest-Paris über 1.200 Kilometer.

Radsportnachrichten.com-Redakteur Matthias Steinberger sprach Anfang Juni in unserem Format „Drei Fragen an:“ mit Christian Schulz von ARA Mittelhessen.


Schlafen und andere Herausforderungen

Ob, wie lange und wo geschlafen wird, ist jedem selbst überlassen. Wer im hinteren Teil des Zeitplans fährt, dürfte wenig Zeit zu schlafen haben, erklärt Schulz. Er hat die Strecke in allen Details ausgearbeitet, dokumentiert und sie einige Tage zuvor nochmal selbst abgefahren, um Baustellen oder andere Dinge zu kennen, die die vorgesehene Route einschränken könnten. Die Strecke einzuhalten, sie vollständig zu absolvieren und dabei in einem bestimmten Zeitfenster zu bleiben, sind einige der Regeln, die einem erfolgreich absolvierten Brevet zu Grunde liegen. Schulz betont, dass es sich dabei nicht um ein Rennen handelt. Ein Stundenmittel um 15 km/h ist als langsamster Schnitt geplant. Allen ist klar, dass sie ihre Kräfte ohnehin gut einteilen müssen, denn der 600-Kilometer-Brevet ist die längste Distanz, die in dieser Saison in Mittelhessen gestartet wird. Seit März gab es monatlich einen Brevet. Sie bauten aufeinander auf und werden nun von der 600-Kilometer-Distanz gekrönt.

Die Schnellsten dürften, wenn sie die Nacht durchfahren, am nächsten Morgen wieder in Mittelhessen ankommen. Sie werden dann in Korbach, Rinteln, Golmbach, Osterode, Leinefelde-Worbis, Ostheim, Hungen und zum Abschluss in Gießen gestoppt und einen Stempel in die Startkarte bekommen haben. Auch die digitale Dokumentation ist bei einem Brevet möglich – wenn alles gut geht. Denn die anstehenden 600 Kilometer sind trotz aller organisatorischer, körperlicher und technischer Vorbereitung ein Abenteuer und im wörtlichen Sinne ein Brevet – eine Prüfung, auf die sich die Teilnehmenden freuen und gut vorbereitet haben. Dabei sind natürlich auch Brot, Brötchen und Brezeln an diesem Samstagmorgen in den Fahrradtaschen verstaut worden, bevor pünktlich um 8 Uhr die Prüfung mit dem Start vor der Bäckerei in Gießen begann.

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Profilfoto Stephan Dietel Radsportnachrichten
Stephan Dietel
Gründer | Redaktionsleitung | CvD | Ressortleitung Straße | Leitung Multimediaredaktion | sd@radsportnachrichten.com

Er wohnt im Gießener Ortsteil Rödgen und legte im Jahr 2001 mit Erlebnisberichten über selbst gefahrene Radrennen den Grundstein. Mit großem Interesse am Radsport und am Journalismus entwickelt er mit seinem Team die Radsportnachrichten aus Mittelhessen immer weiter.

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