Drei Fragen an: ARA Mittelhessen

REDAKTION – In unserem Format „Drei Fragen an:“ befragen wir für euch Personen und Unternehmen, sowie Vereine und Veranstalter der mittelhessischen Radsportszene. ARA Mittelhessen organisiert Langstreckenfahrten von 200 bis 600 Kilometern, die größtenteils in Gießen starten und enden.

Werbung Media Mediadaten Ads

Christian Schulz, Jahrgang 1964, wohnt in Gießen und kommt als Mathematiker mit Maximalwerten bestens zurecht. Der leidenschaftliche Rennradler fand im Jahr 1990 durch Radtouristikfahrten (RTF) in den Radsport. Davon angetrieben, sich stets neue Ziele zu setzen um eigene Grenzen auszuloten, entstand eine Passion für Langstreckenfahrten (Brevets). Sein erster Brevet erfolgte im Jahr 2005. Besonders stolz ist Christian dahingehend auf seine bisher dreifache Teilnahme des legendären Paris-Brest-Paris über 1.200 Kilometer. Sitzt er nicht im Sattel, beschäftigt sich der Langstreckenspezialist mit Fotografie, Entomologie und musikalischen Klängen.

Seit 2016 organisiert Christian für die Audax Randonneurs Allemagne (ARA) einen von derzeit 13 deutschen Standorten für geregelte Langstreckenfahrten (Brevets). Ein Brevet ist übrigens kein Rennen, sondern mehr eine individuelle Prüfung für alle seine Teilnehmenden. Sie absolvieren Streckenlängen ab 200 km bis bzw. über 1.200 km. Eine Serie aufsteigender Brevets dient als Qualifikation für die Teilnahme des nur vierjährig stattfindenden Paris-Brest-Paris über 1.200 Kilometer. Am Standort Mittelhessen bietet Christian allen Radenthusiasten die Gelegenheit, sich der Herausforderung einer einzelnen Langstreckenfahrt oder gar der kompletten Serie zu stellen. Ganz gleich, ob eine Teilnahme in Paris beabsichtigt wird – oder eben nicht.

Hallo Christian, Du organisierst für die ARA Deutschland in aktueller Saison vier Brevets, die aufsteigend von 200 bis 600 Kilometern in Mittelhessen starten. Drei davon stehen bereits in den Büchern. Das große Finale, über sage und schreibe 600 Kilometer am Stück, ist für den 25. Juni mit Start in Gießen geplant. Uns interessiert zunächst alles rund um die Vorbereitung und Durchführung solcher Langstreckenangebote. Erkläre uns dafür gerne, wie der Ablauf eines Brevet der ARA Mittelhessen erfolgt?

ARA Deutschland ist damals u.a. entstanden, um hierzulande Brevets nach dem Standard des Audax Club Parisien (ACP) anzubieten. Damit war es möglich geworden, sich für das legendäre Brevet „Paris-Brest-Paris“ auch in Deutschland zu qualifizieren. Entsprechend spielt sich ein Teil der Arbeit mit diesem Bezug ab, angefangen mit der Terminplanung, die immer zum Ende eines Jahres im Wesentlichen steht. Hat man sich zu einem Brevet angemeldet, erhält man einige Tage vor dem Start das Roadbook, also einen kompletten, detaillierten Streckenplan für das Brevet, sowie ggf. weitere Hinweise zur Strecke. Beim Start erhält jede*r eine Startkarte, auf der an den Kontrollstellen und am Ziel die vorgeschriebenen Nachweise (meist Stempel) mit der Durchfahrtszeit einzutragen sind. Am Ziel werden die Karten zurückgegeben, und die erfolgreichen Fahrten werden vom ACP homologiert. Die Startkarte und – falls gewünscht – eine Medaille werden dann gegen Ende des Jahres an die Teilnehmer*innen zurückgeschickt.

Zu diesen eher administrativen Dingen kommt dann noch die Planung der Strecke selbst, was mir immer großen Spaß macht. Dafür greife ich gerne auf Streckenabschnitte zurück, die ich schon selbst gefahren bin und die mir landschaftlich besonders in Erinnerung geblieben sind, und versuche diese Teile zu einem Kurs zu verbinden. Dabei werden auch die Kontrollstellen ausgesucht, die die Teilnehmer*innen anfahren müssen. Ein bis zwei Wochen vor dem Start fahre ich die Strecke dann nochmal komplett ab, um auf kurzfristige Sperrungen oder ähnliches reagieren zu können. Alle Eventualitäten kann man damit natürlich nicht abhandeln, aber es gehört auch zur Natur eines Brevets, mit unvorhergesehenen Dingen zurechtzukommen.

Eine Distanz von 600 Kilometern in 40 Stunden zu absolvieren verlangt den Teilnehmenden so ziemlich alles an körperlicher und mentaler Stärke ab. Es braucht zusätzlich auch technische Erfahrungen hinsichtlich der Materialwahl, sowie ein gewisses Ernährungskonzept. Hierbei lässt sich wiederum in der Szene kein einheitliches Muster erkennen. Jeder findet sein ganz persönliches Konzept. Bietet die Teilnahme eines offiziellen Brevet die Möglichkeit um solche Erfahrungen in Gruppenbildungen auszutauschen oder ziehen die Zeitvorgaben überwiegend Solofahrten nach sich?

Der Start erfolgt in der Regel als gesamte Gruppe, je nach Größe auch in mehreren Blöcken. Dabei bilden sich meist schon Grüppchen, die ein ähnliches Tempo fahren und sich für zumindest einen Teil der Strecke zusammentun. Aber auch unterwegs bilden sich solche kleinen Gruppen, bspw. wenn man den selben Leuten unterwegs öfters begegnet oder sich an Kontroll- oder Verpflegungsstellen trifft. Am Ziel sieht man tatsächlich dann überwiegend kleine Gruppen, die zusammen eintreffen. Auch und gerade nachts ist eine Begleitung aber auch eine prima mentale Unterstützung. Wenn man nicht viel von der durchfahrenen Landschaft sieht, ist man schon arg auf sich selbst zurückgeworfen. Brevets sind explizit keine Rennen, es geht also nicht darum, die gegebene Strecke möglichst schnell zu bewältigen. Entsprechend hat man also auch unterwegs viele Stunden lang die Möglichkei über alles und jedes zu plauschen. Natürlich trifft man auch am Start und am Ziel auf Mitstreiter*innen, mit denen man sich austauschen kann. Beim 200-km-Brevet sind die Zeitabstände nicht so groß, aber die Teilnehmerzahlen meist am höchsten, so dass man dort besonders leicht Kontakt findet. Eine ganze Reihe von festen „Fahrgemeinschaften“ und sogar Freundschaften sind durch das gemeinsame Brevet-Fahren entstanden. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die es genießen, alleine zu fahren. Mit der Idee des Brevets lässt sich beides sehr gut vereinbaren.

Wir könnten uns durchaus vorstellen, dass interessierte Leser*innen zukünftig an einem Brevet der ARA Mittelhessen teilnehmen möchten. Ob es in wenigen Tagen direkt der 600er ist, stellen wir in Frage – auch wenn es einzelnen zuzutrauen wäre. Im Rückblick auf das Jahr organisiertest Du bereits Distanzen über 200, 300 und 400 Kilometer. Wer zunächst mit einem 200er einsteigen möchte, darf sich 2023 über neue Angebote freuen?

600 km an „einem Stück“ zu bewältigen erfordert sicher eine gewisse körperliche und mentale Erfahrung mit langen Strecken, die man aber durchaus auch auf anderem Wege erlangen kann. 2023 findet, wie alle vier Jahre, wieder das 1200 km lange Super-Brevet „Paris-Brest-Paris“ statt, für das die vollständige Brevet-Serie – 200, 300, 400 und 600 km – zur Qualifikation nötig ist. Geplant ist daher für nächstes Jahr die komplette Serie, beginnend mit einem 200er Ende März oder Anfang April und zusätzlich einem zweiten 200er etwas später im Jahr an unserem „zweiten“ Startort in Heubach (Kreis Fulda).

Wir danken Christian für sein Engagement und wünschen ihm viel Erfolg bei der Organisation weiterer Brevets in Mittelhessen.

Audax Randonneurs Allemagne (ARA) – Langstreckenradfahren in Deutschland

ARA ist ein Zusammenschluss von Brevet-Organisatoren an derzeit 13 Standorten in Deutschland. Alle von den Organisatoren veranstalteten Brevets sind für Jedermann frei zugänglich.

Audax Randonneurs Allemagne bedeutet großzügig übersetzt unabhängige (auch: selbständige, verwegene) Radwanderer Deutschlands. Die französische Wortwahl deutet den Ursprung an. Entstanden ist diese besondere Art des Radfahrens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als das Fahrrad Massenverkehrsmittel für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich wurde. Zu der Zeit war es nicht unüblich, im Sommer mit dem Fahrrad von Paris zur Kanalküste, zum Atlantik oder in den Süden zu fahren. Zu dieser Zeit begann man in Frankreich auch Radrennen über lange Distanzen auszurichten. Das älteste Radrennen ist nicht, wie häufig angenommen, die Tour de France, sondern Paris–Brest–Paris (ca. 1200 km). Heutzutage wird Paris-Brest-Paris Randonneur alle vier Jahre – allerdings ohne den Charakter eines Rennens – ausgetragen.

Audax Randonneurs Allemagne ist Mitglied im Weltverband Randonneurs Mondiaux (RM), der Dachorganisation der weltweiten Randonneure. Nach dessen Regeln werden in Deutschland von den ARA-Organisatoren Brevets angeboten. Das Wort Brevet kann man frei mit „Prüfung“ übersetzen. Ein Brevet ist kein Rennen, sondern eher eine individuelle Prüfung für seine Teilnehmenden. Sie absolvieren Streckenlängen ab 200 km bis bzw. über 1200 km.

Quelle: Offizielle Webseite der Audax Randonneurs Allemagne (Link)

REDAKTION | Dein Sport. Dein Revier. Wir berichten von hier.

Matthias Steinberger
Stv. Redaktionsleitung | Leitung Fotoredaktion | Ressortleitung Mountainbike, Radreise, Technik | Formatchef "Wohin am Wochenende" | mst@radsportnachrichten.com

Wohnt in Gießen, treibt seit dem Jahr 2018 das Ressort Mountainbike voran und ist Erfinder und Leiter des Formats "Wohin am Wochenende". Als Stv. Redaktionsleiter ist er eine Säule der Redaktion und zählt zum Inventar. Seine Wurzeln liegen im XC-Sport und führten durch mehrere Stationen. Der noch immer aktive Ausdauersportler ist keineswegs festgefahren. In unserer Redaktion stürzt er sich voller Begeisterung in die Welt des Radsports.

NEWSLETTER | Dein Sport. Dein Revier. Alle Neuigkeiten von hier.

Immer wenn es eine ordentliche Portion Neuigkeiten gibt, kommt unser Newsletter zu dir - mit allen neuen Beiträgen, exklusiven Einblicken in die Arbeit der Redaktion und mit unseren Veranstaltungs-Tipps "Wohin am Wochenende".

* Pflichtfeld