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Drei Fragen an: Lea-Victoria Styber

REDAKTION – In unserem neuen Format „Drei Fragen an:“ befragen wir für euch Personen und Unternehmen, Vereine und Veranstalter der mittelhessischen Radsportszene. Mit Lea-Victoria Styber blicken wir in die Welt des Kunstradsports.

Lea-Victoria Styber, geboren 1998, lebt in Münchhausen und studiert in Marburg das Gymnasiallehramt für die Fächer Sport und Biologie. Seit zwei Jahren startet die amtierende zweifache Bezirksmeisterin im 1er und 2er Kunstradfahren für den RSV Ernsthausen. Bei den kürzlich in Rockenberg ausgetragenen Hessenmeisterschaften kürte sich Lea, in einer Startgemeinschaft mit Nico Rödiger, mit dem Meistertitel im 2er Kunstradfahren. In neuer Bestleistung gelang ihr im 1er ein achtbarer dritter Platz. Hinter der Kunst des Radfahrens verbergen sich viele Geschichten – und wir haben für euch die Geschichte von Lea-Victoria Styber.

Für viele Radsportler ist das Kunstradfahren, man muss es leider zugeben, eine bislang ungesehene Disziplin. Ein Grund dafür könnte die Ausübung hinter geschlossenen Wänden von Turn- und Sporthallen sein. Kunstradsport ist unseres Erachtens eine äußerst sehenswerte Disziplin. Wie entstand Deine Leidenschaft für das Kunstradfahren?

In der Grundschule hatte ich zwei Mitschülerinnen die regelmäßig Pokale mitbrachten. Wir hatten immer „Erzählkreise“ nach den Wochenenden. Sie berichteten stets fasziniert von ihren Kunstradturnieren und präsentierten ihre gewonnenen Pokale. Zu dem Zeitpunkt war ich im DLRG und im Tanzen seit einigen Jahren aktiv. Ich wollte aber unbedingt auch eine Sportart machen, in der man Wettkämpfe hat und Pokale erringen kann. Ich probierte es einfach mal aus und es machte mir auch Spaß, allerdings war es für mich zum damaligen Zeitpunkt unvorstellbar im Sommer bei 30 Grad in der Turnhalle mit langer Hose zu trainieren. Ich war ein Kind was jeden Tag im Freibad war – und das von morgens bis abends. Irgendwas ließ mich der Gedanke nicht los und so versuchte ich es ein bis zwei Jahre später noch einmal. Dort war der Verein hingegen so überfüllt, dass ich nur 15 Minuten in der Woche auf das Rad steigen konnte. Das war mir eindeutig zu wenig, weshalb ich nur ein paar Trainings später erneut den Kunstradsport für mich beendete. Im Mai 2010 rief meine Mutter dann für mich beim RV Ronshausen an. Wir hatten in der Schule eine Talenteshow und ich wollte unbedingt schauen ob ich noch ein paar Übungen konnte. Am Telefon dann die schlechte Nachricht: sie können mir ein Rad ausleihen und ich kann es am kommenden Dienstag auch in der Sporthalle ausprobieren, allerdings gab es keine Kunstradabteilung mehr, sondern nur noch eine Einrad-Hobbyabteilung. Ich entschied mich hinzugehen. Es war für mich faszinierend was ich alles innerhalb von einem Training wieder konnte. Das waren zwar echt sehr leichte Übungen, aber es erstaunte mich damals schon, dass ich zum Einen nichts verlernt hatte und zum Anderen, dass ich mich noch an die Übungen erinnern konnte, obwohl einige Jahre vergangen waren. An etwa drei Dienstagen trainierte ich eigenständig auf dem Kunstrad, während die anderen Kids Einrad fuhren. Nach der Talenteshow, an der ich teilnahm, konnte ich mir ein Leben ohne das Kunstrad nicht mehr vorstellen. Dann hatte ich einfach eine Menge Glück und die Einradtrainerin, die damals selbst einmal Kunstrad gefahren ist, entschied sich dazu, dass sie mich donnerstags und samstags trainieren würde.
Nach und nach gingen immer mehr Sportlerinnen vom Einrad zum Kunstrad über und so gab es nach wenigen Monaten nur noch Kunstrad und kein Einrad mehr. Damals konnte ich direkt siebeneinhalb Stunden die Woche trainieren und ich saß davon ausschließlich auf dem Rad, außer ein Gang auf die Toilette konnte mich nichts von meinem Rad runterbringen. Die ersten Pokale kamen dann auch, die mich immer weiter zu neuen Zielen trieben. Nach drei Jahren beendete meine Trainerin das Training und so stand ich und meine Vereinskameradinnen plötzlich ohne Trainerin da. Dann entschied sich meine Mutter, das Training zu übernehmen. Durch sie konnte ich mein Training weitermachen.
Nach vier Jahren schaffte ich dann sogar die Aufnahme in den Hessischen Landeskader, was für mich besonders schwer war, da ich teilweise fünf bis sechs Jahre später mit dem Kunstrad begonnen habe, als viele meiner damaligen Konkurrentinnen. Nach etwa zweieinhalb Jahren, in denen ich nur zwei Stunden die Woche trainierte, da ich meine Trainertätigkeit angefangen hatte und wir einfach nicht mehr Hallenzeiten hatten, wechselte ich den Verein wegen meines Studiums. Beim RSV Ernsthausen kann ich nun endlich wieder viele Stunden auf dem Rad sitzen und trainiere dreimal die Woche. Durch das 2er Kunstradfahren, womit ich im Januar 2020 begonnen habe, kommt ab und zu noch eine vierte Einheit in Langenselbold dazu. Die Wochenenden gehen oft für Kaderlehrgänge oder Turniere von mir oder meinen Sportlerinnen drauf, aber das nehme ich alles gerne in Kauf, da das Kunstradfahren einfach eine enorm wichtige Rolle in meinem Leben spielt.

Als Zuschauer staunen wir über Deine athletische Körperbeherrschung, die Du auf dem Fahrrad präsentierst. Für uns wäre vieles davon, um nicht zu sagen alles, selbst ohne Rad undenkbar auszuführen. Besteht andersherum bei Dir eine gewisse Faszination gegenüber Radsportdisziplinen außerhalb der Halle? 

Ich schaue gerne Beiträge von Bahnradsportlern/Bahnradsportlerinnen an. Bei den olympischen Spielen 2016 habe ich mir einige Bahnradwettkämpfe angesehen. Vor allem Kristina Vogel folge ich schon sehr lange auf Instagram. Trotz ihres Schicksals inspiriert sie mich mit ihrem Ehrgeiz in allen Lebensweisen. Ansonsten bin ich mehr der Hallentyp. Ich mag Radball sehr gerne und schaue auch gerne auf Instagram Einradsportlern/Einradsportlerinnen bei ihren Tricks zu. Früher bin ich mal mit meinem Bruder BMX gefahren, aber nur so ganz normal. BMX-Fahrer, die
richtige Tricks mit ihren Rädern können, bewundere ich aber sehr.

In Zeiten der akuten Corona-Pandemie können Rennrad- und Mountainbikesportler weiterhin ihre gewohnten Trainingsfahrten im Freien absolvieren. Deine Trainingsfahrten finden für gewöhnlich in Turnhallen statt, die derzeit geschlossen sind. Mit welcher Herangehensweise gestaltest Du das aktuelle Training – auch im Hinblick auf den ungewissen Jahresverlauf?

Natürlich ist es sehr schade, dass die Sporthallen geschlossen sind. Jedoch kann man jetzt die Zeit nutzen, um fleißig am Handstand zu üben. Ich gehe alle zwei Tage zwischen 5 und 10 Kilometern Joggen, um meine Ausdauer zu verbessern. Dazu kommen etwa zwei Handstand-Einheiten pro Tag. Dazu gehören viel Dehnung, aber auch Kraftübungen, um den Handstand langsam hochdrücken zu können. Das ist mein absolutes Ziel für dieses Jahr. Ich hoffe, dass ich in den mindestens fünf Wochen Zwangspause meinem Ziel eine ganze Ecke weiter komme.

(Text: mst | Archivfoto: Julia Bachmann)

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