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Kommentar: Radrennen unter Ausschluss

Radrennen in Hessen

GIESSEN – Radrennen sind ein hartes Stück Arbeit. Das gilt jedoch nicht nur für ihre Teilnehmer sondern immer öfter auch für die ausrichtenden Vereine, wie das Beispiel der Hessenmeisterschaft im Einzelzeitfahren zeigt, dass Stephan Dietel in seinem Kommentar aufgreift.

von Stephan Dietel

 
Radrennen in Hessen

Immer öfter ein hartes Brot: Engagierte Veranstalter halten traditionelle Radrennen mit viel Einsatz am Leben. Archivbild: Dietel

Gelbe Pfeile wiesen in Stadtallendorf den Weg in Richtung Hessen-Kaserne. Wer wusste, wohin sie führten und ihnen lange folgte, bis die Bebauung am Wegesrand aufhörte und den Blick auf schier endloses Nadelgrün freigab, der fand den Weg zur Hessenmeisterschaft im Einzelzeitfahren.

Im vergangenen Jahr war das ein ausgesprochen ruhiges Fleckchen Hessen, das nur durch Aufrufe zu vergessenen Startzeiten und gelegentliche Anfeuerungen Aufmerksamkeit erweckte. Musik ließ in diesem Jahr die Einsamkeit zumindest zwischen Start und Ziel zeitweise vergessen. Unweigerlich kommen einem Bilder von gut besuchten Radrennen vor Augen. Nicht zuletzt die frischen Impressionen des Olympischen Straßenrennens in London mit Zuschauern in Zwölfer-Reihen stehend am Streckenrand – oder eine Deutsche Meisterschaft der Radprofis mit ebenfalls so großer Zuschauerresonanz, dass den Fahrern das Durchkommen fast schwer fiel.

Zurück in der Gegenwart: Auf dem weitläufigen Bundeswehr-Areal der Hessen-Kaserne warnt mit der Ironie des Schicksals ein Schild am Start des Einzelzeitfahrens vor Schusswaffengebrauch bei unbefugtem Betreten. Sicher hat es an diesem Tag keine große Bedeutung, denn die Radsportler sind ausdrücklich willkommen. Doch sie sind unter sich, bereiten sich auf ihr Rennen vor, dass sie einzeln über eine Betonstraße auf eingezäuntem Waldgebiet führt. Kein Zuschauer, der zufällig hier vorbeikommt. Und doch sind sie froh, dass sie überhaupt hier fahren dürfen. Denn eine Alternative dazu gibt es nach Ansicht vieler Städte und Gemeinden in Hessen nicht und Erinnerungen an Jahre ohne eine hessische Zeitfahrmeisterschaft sind allgegenwertig, in denen behördliche Auflagen und Kosten attraktive Streckenpläne zu Nichte machten.

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So freut man sich jetzt über das Engagement des ausrichtenden RSV Marburg, über die Nutzungserlaubnis der Bundeswehr und über die behördlichen Genehmigungen, die den Fortbestand der Meisterschaft sichern. Man freut sich, ein Rennen ausrichten zu können, dass vom Idealismus seiner Ausrichter lebt, die es nicht sterben lassen wollen. Man muss damit leben, fernab von belebten Straßen zu sein, deren Kosten für behördlich auferlegte Kosten von Umleitungen und Ampelabschaltung dem Veranstalter das Genick brechen würden. Man ist aber auch weit weg von lebhaften Stadtkernen und Zuschauern, die den Radsportlern das Gefühl geben, wahrhaft meisterliches geleistet zu haben. Getreu dem Motto: Das Rennen zu den Zuschauern bringen, statt die Zuschauer zum Rennen. Erstrecht, wenn es nur noch weit außerhalb auf einem abgelegenen Areal auszurichten ist.

Ausdrücklich: Dem Marburger Ausrichter und seinen Wegbereitern in Stadtallendorf und Neustadt gebührt Dank für ihr unermüdliches Engagement. Und dennoch fragt man sich in dem Moment, als die Sieger das Podest erklimmen und niemand da ist, der für die erbrachten Leistungen Beifall klatscht, ob ein solches Rennen in den Städten und Gemeinden Hessens keine bessere Plattform verdient haben könnte. (sd)

 

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