Früher Renntermin fordert alle Reserven

GIESSEN – Wer nicht gut Sprinten kann, musste ausreißen – so könnte man das Radrennen „Rund um das Stadttheater“ in diesem Jahr zusammenfassen. Aber auch wer über den notwendigen starken Antritt verfügte, hatte keinen leichten Tag auf dem schnellen Rundkurs.

Mit Ausnahme der Nachwuchsklassen wurde das Tagesergebnis wieder als Kriterium, mit regelmäßigen Sprints um Punkte ermittelt. Dazwischen sorgten Prämienrunden für eine zusätzliche Tempoverschärfung und im Idealfall für Zuwachs im Portemonnaie von Einzelfahrern oder in den Mannschaftskassen der Teams.

„Dann musste ich zwangsläufig vorne bleiben“

Jonas Hartmann, Team Pizza Mouse

Wegen seines beherzten Antritts bei einer dieser Wertungen kam Jonas Hartmann im Jedermann-Rennen ungeplant in eine Ausreißer-Situation. Von ganz hinten gestartet, lag der Biebertaler im Trikot des Team Pizza Mouse nach einem Sprint bei Start und Ziel plötzlich in Führung. „Als ich gemerkt habe, dass keiner nachsetzt, habe ich gedacht: dann fahre ich halt weiter. Dann musste ich zwangsläufig vorne bleiben“, sagte Hartmann. Nach 15 der angesetzten 30 Runden habe er gemerkt, dass er es nicht mehr gewohnt sei, so lange so schnell zu fahren, sagte der ehemalige Lizenz-Rennfahrer, der am Ende aufpassen musste, dass ihn von hinten niemand mehr einholte. Doch Maximilian Schmidt-Kreuzer in den Farben der RSG Gießen und Wieseck schaffte es, angepeitscht vom Publikum an der Johannesstraße, den Ausreißer noch auf der Zielgeraden einzuholen. Mit sicherem Punktepolster aus den Wertungsrunden seiner Solo-Fahrt gewann Jonas Hartmann, auch wenn er im Zieleinlauf hinter Schmidt-Kreuzer lag. Der wiederum belohnte sich mit dem erfolgreichen Schlusssprint und mit Platz zwei im Tagesergebnis, den ihm seine Punkte bescherten. Während Hartmann vorne in der Sommersonne alleine gelitten hatte, hätte das Rennen für Schmidt-Kreuzer „gerne noch schneller sein können“, doch den Sprung von den Verfolgern an die Spitze im Alleingang zu wagen, erschien ihm dann doch zu riskant. Der schon vielfach bei „Rund um das Stadttheater“ erfolgreiche und entsprechend unter Bobachtung stehende Marco Kaufmann vom Team Rheinhessen landete diesmal hinter Matthias Hahn vom Team Gute Laune Sport auf Platz vier.



Erfolg und Spaß beim Heimrennen

Am Morgen, beim Rennen der Männer-Klasse Amateure, hatte Stefan Wahner von der RSG Gießen und Wieseck aus der Not eine Tugend gemacht: „Ich habe in den ersten Runden schon gemerkt, dass ich nicht die schnellsten Sprinterbeine habe. Da war es für mich schon entschieden: ich muss es über die Flucht versuchen“. Als die Gelegenheit günstig erschien, zog Wahner voll durch und setzte sich mit einem weiteren Fahrer ab. Er sei dann als Ausreißer in einen guten Rhythmus gekommen, habe die Kurven voll durchfahren können und am Ende habe alles gepasst, freute sich Wahner über Platz zwei im Tagesergebnis.

„Die sind taktisch echt klug gefahren“

Stefan Wahner, RSG Gießen und Wieseck

Der Sieg im Großen Preis der Sparkasse Gießen ging nach 80 Runden aber an Fynn Brestel vom AVIA Racing Team p/b M. Schulte Söhne. „Die sind taktisch echt klug gefahren, haben richtige Sprintzüge gefahren. Das war eindrucksvoll und von daher haben sie’s echt verdient“, sagte Wahner anerkennend zur mannschaftlichen Leistung des Tagessiegers. Platz drei ging an Timm Rüger vom Team Kern-Haus und auf Platz fünf fuhr Florian Anders, der mit offensiver Fahrweise und Startnummer 1 die RSG Gießen und Wieseck gerade in der Anfangsphase des Rennens sehr offensiv präsentiert hatte. Ohnehin versuchten viele der heimischen Startenden, sich mit kleinen oder größeren Aktionen in Szene zu setzen oder einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Der Wahl-Wiesecker Rico Libesch vom TGV Schotten zeigte sich an seinem Geburtstag ebenfalls angriffslustig und schnappte sich jeweils einen Punkte- und Prämiensprint, der ihn auf Platz elf brachte. Auf Platz 20 im Tagesergebnis war Leonhard Schneider von der RV Gießen-Kleinlinden nicht unzufrieden, auch wenn es mit seinem Plan „in eine Ausreißergruppe zu kommen oder eine zu bilden“ nicht geklappt hatte. Der Plan „Spaß zu haben und vorne mitzumischen“, habe dafür ganz gut funktioniert, freute sich Schneider. Luca Adler vom TV Bad Orb, der wie Mountainbike-Kollege Rico Libesch ebenfalls zum Studium nach Gießen gezogen ist, bescherte sich mit einer gewonnenen Prämie und Platz 24 einen schönen Tag bei seinem empfundenen Heimrennen.

Feste Größe, treue Förderer
aus der Redaktion

Das Radrennen „Rund um das Stadttheater“ ist eine feste Größe im Terminkalender und in der Sportgeschichte der Stadt. Viele Faktoren müssen stimmen, damit sich ein Rennen derart entwickeln und eine lange Geschichte entwickeln kann. Es braucht einen engagierten und unermüdlichen Verein als Ausrichter, fleißige Helferinnen und Helfer in allerlei Funktionen und treue Förderer, die der Geschichte des Rennens immer wieder ein neues Kapitel hinzufügen.

Die Stadt Gießen und die Sparkasse Gießen sind seit vielen Jahren verlässliche Säulen für den Fortbestand des Rennens. „Ohne die, würde es nicht laufen“, sagt Torsten Günther von der RSG Gießen und Wieseck bei einer Aufzählung der Förderer des Rennens. Ilona Roth, Vorstandsmitglied der Sparkasse Gießen, hat ihrer langen Liste an Startschüssen, erlebten Rennsituationen und vorgenommenen Siegerehrungen in diesem Jahr wieder einige hinzugefügt und das Rennen damit auch persönlich bei der Durchführung unterstützt. Vielleicht hat sie dabei auch den einen oder anderen Expertinnen-Tipp für Frank-Tilo Becher gehabt, der als neuer Oberbürgermeister der Stadt Gießen das erste Mal in dieser Funktion das Rennen begleitete. „Ich bin hier um die Ecke gekommen und dachte, das Rennen läuft schon – doch das war erst das Warmfahren“, gestand der Oberbürgermeister mit einem Schmunzeln. „Es ist ein wirklich großes Sportereignis in unserer Stadt. (…) Ein Stadt-Rennen in dieser Form haben wir gar nicht so oft in Deutschland, aber hier in Gießen ist es möglich. Möge es lange so bleiben“, gab Becher der jüngsten Austragung mit auf den Weg. Sein Hinweis, das Rennen fest im Terminkalender der Stadt etablieren zu wollen, lässt auf eine lange Fortsetzung hoffen.

Radrennen "Rund um das Stadttheater" in Gießen
An der Sponsorenwand und in der Durchführung: Das Rennen freut sich über seine Förderer. Foto: Tobias Zappe

Dominanz im Senioren- und Frauen-Rennen

Schon heimisch fühlen dürfte sich Hanno Rieping auf dem hart umkämpften Podium von „Rund um das Stadttheater“. Wie eine Wiederholung des Rennens vor zwei Jahren kam einem das Rennen in diesem Jahr vor. Rieping hatte sich nach der zweiten Wertung mit drei Mitstreitern im Rennen der Senioren II und III von den Verfolgern abgesetzt. Die Ausreißer vergrößerten ihren Vorsprung rasch und sammelten dabei fleißig Punkte und Prämien. Die Verfolger sahen sie im letzten Drittel der angesetzten 50 Runden schon vor sich, doch eine Überrundung hätten sie zu Gunsten der Übersichtlichkeit des Rennens vermeiden wollen, sagte Rieping, der nach 2020 auch in diesem Jahr gewann. Alles im Blick hatte dabei auch Christian Schmidt, der für die RSG Gießen und Wieseck fährt. Als Mannschaftskollege vom Hanno Rieping im Team pro-juventute.org sorgte Schmidt, ebenfalls wie im Jahr 2020, für Rückendeckung bei den Verfolgern und für ein Beispiel mannschaftlicher Zusammenarbeit. Was mit Teamarbeit möglich ist, zeigten die acht Fahrerinnen des Maxx Solar Lindig Woman Racingteam im Rennen der Frauen Elite und Elite FT, das als „Großer Preis Stadt & Land Gießen Frauen“ über 50 Runden führte. Lydia Ventker, Katharina Fox (beide Maxx Solar Lindig Woman Racingteam), Mira Winkelhaag (One World Team) und Svenja Betz (ILLI-BIKES Cycling Team VZW) waren ausgerissen und hatten ihre Verfolgerinnen überrundet. Ventker, Fox und Winkelhaag setzen sich mit der Überrundung gleich wieder an die Spitze und nahmen dem Hauptfeld in Summe zwei Runden ab. Der Tagessieg von Lydia Ventker vor Fox und Winkelhaag war zugleich ihr 100. Karrieresieg und ein empfundener Heimsieg, denn die Wurzeln der Frauen Profimannschaft liegen etliche Jahre zurück in den Anfängen als Bundesliga-Mannschaft der RSG Gießen und Wieseck. Zufrieden war auch Anja Schneidenbach von der RVG Rockenberg, die angesichts der mannschaftlichen Übermacht nicht den großen Erfolg sondern den Spaß bei „Rund um das Stadttheater“ suchte und fand. Platz 19 war dabei eher eine Nebensache, denn durchzukommen kann bei „Rund um das Stadttheater“ schon als Erfolg gewertet werden. Das konstant hohe Tempo deckt jede konditionelle oder fahrerische Schwäche schonungslos auf und auch die schnellen Kurven verzeihen keine Fehler. Das wurde über den Tag verteilt drei Mal deutlich, doch die Stürze gingen mit Abschürfungen und Prellungen letztlich glimpflich aus. Das bunte Fahrradrennen mit 30 Teilnehmenden und ein VIP-Rennen sorgten für zusätzliche Unterhaltung und eine Auflockerung im sportlichen Wetteifern. Die Siegerehrungen dieser Rennen fanden auf dem Brandplatz statt und schufen damit eine Verknüpfung zur dortigen Auftakt-Veranstaltung der Aktion Stadtradeln in Gießen.



Endspurt mit „Tigersprung“

In den Nachwuchsrennen fielen die Entscheidungen für das Tagesergebnis nicht durch Punktesprints sondern im Endspurt. Jugendfahrer Tim Nissel von der RV Gießen-Kleinlinden war in den Prämienspurts während des U17-Rennens über 40 Runden stets präsent und setzte mit einem sogenannten Tigersprung im Zielsprint ein eindrucksvolles Ausrufezeichen. Dass er dabei als Zweitplatzierter dem Sieger Fabian Taube vom HRC Hannover knapp unterlag, ärgerte den Wetzlarer. Vielleicht dürfte dieser knappe Ausgang etwas weniger schmerzen, wenn man sich deutlich macht, dass zu dem ungewohnt frühen Termin von „Rund um das Stadttheater“ die Verfassung der Teilnehmenden noch eine andere ist, als zum traditionellen Termin in der zweiten Saisonhälfte. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum das diesjährige Rennen als besonders schwer empfunden wurde und im abschließenden Rennen der Männer-Klasse Elite Amateure als „Großer Preis Stadt & Land Gießen Männer“ über 100 Runden für deutlich sichtbare Spuren in den Gesichtern der Fahrer sorgte.

Podiumsplätze durch Überrundung

Benedikt Helbig (Team Embrace The World Cycling) war mit Nico Brenner (Team Kern-Haus) und Alexander Weifenbach (Team Colonia Kids) ausgerissen und hatte das Feld der Verfolger rasch überrundet. Den Rennverlauf aus dem Jahr 2020 zu wiederholen, als Helbig mit eineinhalb Runden Vorsprung im Alleingang gewonnen hatte, wollte diesmal nicht gelingen: Der ausgefuchste Florenz Knauer (Team 54×11) schnappte den Dreien nach ihrer Überrundung, zurück im Hauptfeld, einige Wertungen mit wertvollen Punkten weg, so dass Helbig hinter Weifenbach und Brenner durch den Rundengewinn zwar auf dem Treppchen stand, aber über Platz drei nicht mehr hinauskam. Der letzte Schritt auf das Treppchen war dann sichtbar schmerzhaft – aber Helbig konnte sich sicher sein, alles aus sich herausgeholt zu haben, was zu diesem frühen Termin von „Rund um das Stadttheater“ möglich war.

Ergebnisse

Bei diesem Rennen waren weit mehr mittelhessische Teilnehmende am Start, als wir in unserem Berichtsumfang vermitteln können. Alle Ergebnisse vom Renntag findet ihr hier.


Sehen, hören, lesen

Unsere multimediale Berichterstattung macht es möglich, „Rund um das Stadttheater“ 2022 in zahlreichen Fotos zu sehen, die Stimmen der Teilnehmenden zu hören und den Renntag nachzulesen.

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